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Ferndampf vom Nachbarn

Kann man seine Räume effizient heizen, indem man sich den Ferndampf der Nachbarn holt? Ja, kann man, wie die Goldsteig Käsereien beweisen. Was hier etwas befremdlich klingt, ist nichts anderes als ein Expertenrat, denn die Fachleute haben dazu geraten, den neuen Käse-Standort in Stephanposching an die Ferndampfversorgung der benachbarten Papierfabrik anzubinden. Das kann die CO2-Emissionen erheblich reduzieren.

Für den neuen Standort der Käsereien war keine separate Wärmeversorgung geplant, somit musste eine Anbindung an benachbarte Energienetze erfolgen. Noch bevor mit dem Bau begonnen wurde, stellte sich die Frage der Wärmeversorgung. Matthias Kiendlbacher ist der Niederlassungsleiter bei der Goldsteig Käsereien Bayerwald GmbH und er sagt: „Wir haben uns daher gleich zu Beginn mit den Ingenieuren der Gammel Engineering GmbH in Verbindung gesetzt, da wir in vorangegangen Projekten bereits gute Erfahrungen mit deren Know-how gemacht haben. Von Gammel kam dann auch die Idee, vorhandene Wärmequellen in der Nachbarschaft einzubinden.“

Hintergrund ist der, dass die benachbarte Papierfabrik vom Kraftwerk EON/Bayern bereits mit Dampf versorgt wird, diesen jedoch nicht vollständig verwertet. Es ergab sich also die Möglichkeit, den überschüssigen Dampf zu nutzen und ihn direkt zur Molkerei umzuleiten. Das passiert jetzt mit Fernwärmeleitungen, die teilweise in der Erde und teilweise oberirdisch verlaufen. In der Molkerei wird dann Heizwasser für die Produktion erzeugt. Dipl.-Ing. Thomas Zweier ist zuständiger Projektleiter bei Gammel Engineering. Er meint: „Auf diese Weise profitieren alle Beteiligten von der Vernetzung, da keine Wärmeenergie in Form von Dampf verloren geht oder aufwendig über Bilanzkühler vernichtet werden muss.“

Um das Projekt zu realisieren, musste zunächst ein oberirdischer Dampfanschluss bei der Papierfabrik hergestellt werden. Anschließend wurde dieser mit einer extra verlegten Fernwärmeleitung zur Käserei Goldsteig verbunden. Zweier sagt: „Die größte Herausforderung dabei war der Trassenverlauf entlang eines Feldwegs mit anliegenden Grundstücken eines Landwirts. Zwar konnten wir eine Zustimmung zum Verlegen der Fernleitung aushandeln, jedoch durften wir dabei die Felder nicht als Baufläche nutzen.“ Erschwert wurde die Verlegung auch durch andere bereits vorhandene Leitungen, die teilweise verschoben wurden, damit die Dampfleitung so gerade wie möglich verläuft.  

Auch der Druckverlust in der Ferndampfleitung war ein wichtiger Punkt. Während der Überdruck in der Papierfabrik 3,2 bar betrug, standen bei Goldsteig nur noch 2,5 bar zur Verfügung. Das wiederum hätte sowohl weniger Heizleistung als auch weniger Kondensat bedeutet. Also bestand die Aufgabe darin, diesen Verlust zu kompensieren. Thomas Zweier: „Wir haben uns hier für eine zweigleisige Taktik entschieden.“ Erstens wurde ein Wärmetauscher mit einer besonders großen Tauscherfläche installiert und zweitens wurde das Erdrohr mit Mineralfaser und Polyurethanschaum doppelt gedämmt. Außerdem befinden sich Kontrolldrähte in der Dämmschicht, damit Leckagen schnell erkannt werden.

Schlussendlich mussten noch die Versorgung auf dem Goldsteiggelände sowie die Technikzentrale umgesetzt werden, denn der Dampf musste einen sicheren Weg zum Reindampferzeuger bzw. zum Heizkondensator im Untergeschoss finden. Der genaue Weg des Dampfes verläuft jetzt von der Fernwärmeleitung über eine Rohrbrücke zum Technikgebäude der Molkerei, wo er in Reindampf für Produktionsprozesse und 95 °C heißes Wasser zum Heizen umgewandelt wird. Der Reindampferzeuger hat eine Leistung von 500 kg/h. Dieser Reindampferzeuger und ein Heizkondensator sorgen jetzt für störungsfreie Abläufe. Das insgesamt anfallende Kondensat wird zur Papierfabrik zurückgefördert, um dort erneut als Speisewasser für die Dampferzeugung verwendet werden zu können. „Der große Win-Win-Effekt dieser Dampfumformung ist, dass der Strom des Bayernwerks sozusagen zusatzvergütet wird, da die Restwärme nach der Turbine jetzt genutzt und dafür ein entsprechender KWK-Bonus gewährt wird“, resümiert Zweier.