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Umstellung von L- auf H-Gas geht voran

Schon seit Mai 2015 läuft eines der größten Infrastrukturprojekte der deutschen Erdgasversorgung, nämlich die Umstellung von L- auf H-Gas. Jetzt hat die Umrüstung auch das Rheinland erreicht. Gerade die notwendigen Umrüstungen der Brenner, Kessel, BHKW, Backöfen und anderer Wärmeerzeuger könnte für das Handwerk ein lukratives Geschäft sein.

Das so genannte L-Gas („Low calorific gas“) kommt aus deutschen und niederländischen Quellen, die Fördermengen jedoch sinken. Mit dem so genannten H-Gas („High calorific gas“) aus Norwegen, Russland und Großbritannien wird der größte Teil Deutschlands schon seit langer Zeit versorgt. Die derzeitige Umstellung betrifft etwa 30 % aller in Deutschland mit Erdgas betriebenen Endgeräte und für die Umrüstung gibt es einen Zeitplan, der im Internet eingesehen werden kann: www.fnb-gas.de.

Die eigentliche Umstellung wird von örtlichen Netzbetreibern abgewickelt, Dienstleister aus dem Bereich Mess- und Regeltechnik führen sie durch. Nach dem derzeitigen Plan soll ein Großteil der Umrüstung zwischen 2022 bis 2025 stattfinden. Dann werden speziell geschulte Fachkräfte Komponenten an Brennwertthermen, Kesseln, BHKWs und gewerblichen Backöfen überprüfen und wechseln. Allerdings fehlen dafür noch Mitarbeiter, Netzbetreiber und Versorger versuchen, Fachkräfte für diese Aufgabe zu gewinnen.

Um ein Gasgerät anzupassen, ist eine Bestandsaufnahme in den jeweiligen Umstellbezirken notwendig, die meist ein Jahr vorher durchgeführt wird. Das Ergebnis wird dem Hersteller mitgeteilt. Damit kann die Industrie auf den Bedarf an Düsen und anderem Zubehör reagieren. Ein wichtiger Punkt ist außerdem das Reklamationsmanagement. Sollte beispielsweise bei einem Durchlauferhitzer das H-Gas-Düsenrohr installiert sein und er dann kurz darauf kaputtgeht, könnte man glauben, das liegt am Düsenrohrwechsel. Dem muss aber nicht so sein. Herbert Kuschel, bei Vaillant mit der Umrüstung betraut, sagt dazu: „Sollten Hersteller schon seit Jahren nicht mehr existieren, dann müssen die Geräte einfach raus. Wir finden es nicht gut, dass einige Netzbetreiber, die sich mit dem Endkunden nicht anlegen wollen, für Uraltgeräte von nicht mehr auf dem Markt aktiven, aber auch von nach wie vor aktiven Firmen, Umbausätze von Drittherstellern verwenden. Das ist nicht zulässig. Denn damit erlischt die Bauartzulassung.“

Zur Bestandsaufnahme gehören folgende Aufgabenbereiche:

  • die Erfassung des umzurüstenden Bestands
  • die Umstellung selbst
  • eine stichprobenartige Qualitätssicherung

Hierzu bietet der DVGW Kurse an und zertifiziert Teilnehmer entsprechend. Die Anforderungen an die Fachleute sind in den DVGW-Arbeitsblättern G 676-B1 und G 680 geregelt. Darüber hinaus gehören zum Aufgabenbereich auch Ingenieursdienstleistungen, wie z. B. Ablauforganisation, Netzgebietseinteilung und Projektmanagement. Die jeweilige Abrechnung einer Umrüstung hängt vom Vertrag mit dem Auftraggeber, der Netzgesellschaft ab. Von der Arbeitsgemeinschaft Erdgasumstellung (ARGE EGU) und der Brancheninitiative Zukunft ist das Branchenbündnis „Effizienzinitiative Erdgasumstellung“ gegründet worden, welches die H-Gas-Umrüstung unterstützt und sich dafür einsetzt, die H-Gas-Belieferung mit einer Heizungsmodernisierung zu verknüpfen. John Werner, Leiter der Abteilung Unternehmensentwicklung & Strategie bei „Zukunft Erdgas“, sagt: „Für die Erreichung dieses Ziels sind alle Marktteilnehmer gefragt. Wir benötigen eine abgestimmte Kommunikation mit einheitlichen Botschaften aller Akteure: Fernleitungs- und Verteilnetzbetreiber, Vorversorger, die Vertriebe der Stadtwerke und Regionalversorger sowie die Marktpartner aus der Heizgeräteindustrie und dem SHK-Fachhandwerk.“

Natürlich müssen auch die gesetzlichen Vorgaben beachtet werden. So müssen die Netzbetreiber die Verbraucher nach dem Energiewirtschaftsgesetz auf die H-Gas-Lieferung „in zwei Jahren“ aufmerksam machen. Die Netzbetreiber sind hier in der Schlüsselposition, denn sie verwalten die Adressen, stehen zuerst in Kontakt mit L-Gas-Beziehern und können in ihren Anschreiben den Blick des Kunden auf die Konditionen der Gasversorgungsunternehmen lenken. Trotzdem müssen sie neutral bleiben und in die eigenen Fernleitungsrohre jeden Gasvertreiber lassen.

Möglich sind attraktive Bonuszahlungen an die Modernisierungswilligen, denn die Heizungsgerätehersteller geben oftmals einen Bonus von 200 Euro. Oft legt der örtliche Gasversorger nochmal 400 oder 500 Euro bei einem Wechsel zu ihm als Lieferanten drauf. Dazu sind dann außerdem 100 Euro Prämie der Bundesnetzagentur möglich, wenn es sich bei der Neuinstallation um ein adaptives Modell handelt, das die Erdgasqualität selbst erkennt. Die Zuwendungszahlungen können dann insgesamt bis zu 800 Euro betragen.

Weitere wichtige Punkte im Hinblick auf die Umrüstung sind folgende:

  • nach der Umrüstung kann es noch ein Jahr bis zur Belieferung mit H-Gas dauern
  • in dieser Zeit sinkt die Geräteleistung um etwa 15 %
  • im Zuge der Umstellung kommt es zu keinem Mischgas
  • Heizkosten werden sich durch den Gaswechsel kaum verändern
  • die beauftragten Fachleute passen lediglich das Gasgerät an, eine Wartung wird nicht übernommen
  • für Unternehmen und Fahrer von Erdgasfahrzeugen besteht kein Handlungsbedarf, denn der Motor des Fahrzeugs passt sich automatisch an
  • Erdgasfahrer können weiterhin, wie gewohnt, an der Tankstelle Erdgas tanken
  • BHKW-Anlagen rüsten die Hersteller selbst um