Zum Inhalt springen

Fahrbericht eines BZ-Busses aus Madrid

Seite: 1/3
Fachbericht | Wörter: 2493 | Aufrufe: 6568 | Druckbare Version

BRENNSTOFFZELLENBUSSE - Rein ins Getümmel

Ein Praxisbericht aus Madrid

"Ein Härtetest, der direkt unter den Augen der Stadtbewohner von Madrid abläuft"

Der Verkehr in Madrid ist nichts für Mutlose. Tagsüber wie nachts schieben sich Hunderttausende von Fahrzeugen durch die Straßen der Innenstadt. Seit Mai dieses Jahres behaupten sich auch Brennstoffzellen-Busse vom Typ Citaro im Getümmel. Eingesetzt im Linienverkehr sollen sie in den nächsten zwei Jahren ihre Alltagstauglichkeit beweisen.

Abb. 1: Brennstoffzellen-Bus in Madrid
BZ-Bus in Madrid

Santamarca, die Endstation der Linie 52, ist für das quirlige Madrid ein beschaulicher Fleck im nördlichen Kernstadtbereich der spanischen Metropole. Am Freitag um 16:31 Uhr beginnt José Luis Morados Schicht. Zehn Jahre arbeitet er als Busfahrer, sieben davon bei der Empresa Municipal de Transportes de Madrid (EMT), der städtischen Busgesellschaft.

Unauflösbar scheinende Autoknäule, die sich um die großen Kreisverkehre am Paseo de Castellana wickeln, infarktverstopfte Straßenadern in der City und zentimetergenaue Slaloms um abenteuerlich geparkte Lieferfahrzeuge bringen den 45-jährigen Busfahrer schon lange nicht mehr aus der Fassung. „Im Madrider Verkehrsgetümmel entwickelst du eine Philosophie der Gelassenheit, oder du wirst gleich verrückt“, kommentiert Morado trocken.
Mit seiner Schicht bricht die Freitagnachmittag-Rushhour los – das Finale furioso der sich Woche für Woche wiederholenden Verkehrsinszenierung in der Fünf-Millionen-Metropole. Von seinem Einsatzleiter Julián Del Olmo Perandones im Busdepot Fuencarral hat Morado gerade erfahren, dass er mit einem der drei Wasserstoffbusse fahren soll.

Zehn Schichten hat er bereits mit dem Hightech-Gefährt absolviert, nachdem er – wie 30 seiner Kolleginnen und Kollegen – für den Einsatz auf diesen Bussen geschult wurde. Morado startet die Elektrik, der 200 kW-Motor beginnt leise zu schnurren, die Treibstoffanzeige vermeldet einen beruhigenden Druck von 317 bar – damit liegt der gasförmige Wasserstoffvorrat knapp unter dem Maximaldruck von 350 bar, für den die Tanks des Citaro-Busses ausgelegt sind.

Er manövriert den Bus zur ersten Station; ziemlich eng sind die Straßen in diesem Viertel, zumal die Auffassung der Madrider Autofahrer darüber, was alles als Parkfläche nutzbar sein könnte, ausgesprochen großzügig ist. Auf den Flanken des lilafarbenen Citaros mit der Betriebsnummer 9053 prangt in großen Lettern „Pila de combustible – Contaminación Zero“, was so viel bedeutet wie „Brennstoffzellenantrieb – Nullemission“.

„Keine Abgase, eine echte Verbesserung“

Mercedes Salgado steigt an der Haltestelle Santa Maria Magdalena zu. Der Bus soll sie zur Puerta del Sol bringen, der anderen Endstation, zwischen der die Busse der Linie 52 pendeln. Der belebte Platz ist seit alters her das verkehrstechnische Zentrum Spaniens. Davon zeugt im Pflaster der Null-Kilometer-Stein, von dem aus früher sämtliche Entfernungen zu den Städten der iberischen Halbinsel gemessen wurden. Heute ist die Puerta del Sol mit den angrenzenden Einkaufsstraßen das Ziel aller kauflustigen Madrilenen – mehr als 500 000 Menschen schieben sich täglich durch die beiden Kommerzadern Preciados und Carmen. Auch Mercedes Salgado ist entschlossen, mit mindestens zwei prall gefüllten Einkaufstüten auf dem Schoß – das gilt hier als Minimum einer erfolgreichen Schnäppchenjagd – Stunden später mit dem 52-er heimzufahren.

„Ja, ein Wasserstoffbus ist das“, antwortet die Frau um die Mitte 50 auf die Frage, in was für einen Bus sie denn gerade eingestiegen sei. Die Technik, nun ja, winkt sie etwas verlegen ab, sei ihr „in etwa vertraut“. „Keine Abgase“, schiebt sie nach, „das ist gut für die Stadt, eine echte Verbesserung“. Stolz ist sie, dass Madrid im Mai 2003 die erste von zehn europäischen Großstädten war, in denen jeweils drei Wasserstoff-Citaros über zwei Jahre hinweg im Linienbetrieb erprobt werden. Mahnend fügt sie hinzu: „Die Passagiere sollen die Busse bloß gut behandeln.“

An der Station Victor de la Serna steigt ein junger Mann zu. Durch die Ohrstöpsel seines Discmans scheppern Technobeats. Auf die Frage, was er von dem Bus halte, antwortet er, der Bus sei „wunderbar leise“, und Mercedes Salgado pflichtet ihm sofort bei. Verblüffend, dass die Bewohner dieser lustvoll lauten Stadt die gehörschonende Arbeit des E-Motors loben, wo sie sich sonst erst ab einem Geräuschpegel oberhalb von 80 Dezibel wohl zu fühlen scheinen. Busfahrer Morado nennt als weiteren Pluspunkt die sanften Schaltvorgänge des Automatikgetriebes, die ein fast ruckfreies Beschleunigen ermöglichen. „Ansonsten“, so urteilt er, „fährt sich der Bus so, wie jeder andere.“

Miguel Muñoz steigt an der Station Principe de Vergara zu. Der 45-Jährige erweist sich als Kenner der Materie: „Das ist die neueste Generation von Gasbussen. Sie fahren mit Wasserstoff, der aus Erdgas gewonnen wird. Eine Supersache ist das.“ Aber Muñoz wäre kein echter Spanier, wenn er sich nicht noch „ein bisschen mehr Pfeffer für die Maschine“ wünschte, die im übrigen genauso agil ist wie das Dieselaggregat für den Citaro.
Dabei wird der Verkehr auf der sechsspurigen Principe de Vergara immer dichter. „Mehr Pfeffer“ würde den Citaro nur schneller an das nächste Stauende bringen, wo er länger auf die Weiterfahrt warten müsste. Morados „Philosophie der Gelassenheit“ is

t hier gefragter als ein paar PS mehr.

Seit September ist das Trio komplett

Im Mai 2003 lieferte die Mannheimer Evobus, ein Tochterunternehmen von DaimlerChrysler, den ersten der drei lilafarbenen Wasserstoff-Citaros für Madrid aus. Er hat rund 7000 Kilometer in rund 800 Betriebsstunden zurückgelegt. Bus Nummer zwei – mit ihm ist Morado gerade unterwegs – kam Ende Juli hinzu; sein Kilometerzähler zeigt nach knapp zwei Monaten und 270 Betriebsstunden rund 2800 Kilometer an. Und der dritte Wasserstoffbus erreichte das Busdepot Fuencarral per Tieflader gestern Abend, es war der 25. September.

Die beiden Techniker vor Ort, Carlos Virseda vom Bushersteller Evobus und Ricardo Moreno von Ballard Power Systems, dem Lieferanten der Brennstoffzellen-Stacks, haben sich gleich nach dem diffizilen Abladen des Busses über ihr „drittes Baby“ (Virseda) hergemacht. Übers Wochenende wollen sie den Citaro gründlich durchchecken. Die EMT-Leute werden parallel dazu den Bus mit den Schriftfolien der Busgesellschaft bekleben sowie die für den Linienbetrieb erforderliche Bezahl- und Entwertungseinrichtung einbauen. Dann kann Depotleiter Julián del Olmo ab Montag auch den dritten Wasserstoffbus ins Verkehrsgetümmel entlassen. Und dieses Ziel ist für alle Beteiligten Ehrensache – Wochenende hin oder her.


Diesen Artikel empfehlen:




Vorheriger Bericht zum Thema Brennstoffzellen
Weltpremiere eines wasserstoffbetriebenen Wankelmotors Weltpremiere eines wasserstoffbetriebenen Wankelmotors
Nächster Bericht zum Thema Brennstoffzellen
Wasserstoff für Energie im Eigenheim Wasserstoff für Energie im Eigenheim


ÄHNLICHES IN WISSEN