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Brennstoffzellen - Markteinführung von Niederflurzeugen (Gabelstapler)

Fachbericht | Wörter: 1062 | Aufrufe: 7034 | Druckbare Version

Es gibt sie tatsächlich, die marktreifen Brennstoffzellenprodukte. Gegenüber der großen Anzahl von Vorserienprodukten, die derzeit in Demonstrations- und Forschungsprojekten erprobt werden, sind es bisher zwar nur wenige, aber es gibt sie. Eine dieser seltenen Spezies ist der Brennstoffzellengabelstapler beziehungsweise etwas allgemeiner ausgedrückt das brennstoffzellenbetriebene Niederflurzeug. Bislang ist es vorrangig in Nordamerika zu finden, aber vereinzelt taucht es hin und wieder auch in Europa auf. Lesen Sie hier beispielhaft über die Erfahrungen von Michael Nindel, der derzeit – teils vergeblich – versucht, die Brennstoffzellenmodelle seines Unternehmens auf dem westeuropäischen Markt einzuführen.

Michael Nindel ist ein hoch gewachsener, eher zurückhaltender Typ. Eigentlich würde er sich lieber im Hintergrund halten, aber sein Job bringt es mit sich, dass er teilweise viel reden muss. Und wenn er dann über sein Thema oder besser gesagt sein Brennstoffzellenprodukt redet, dann kann es durchaus – ganz entgegen seinem eigentlichen Naturell – passieren, dass er kaum noch zu bremsen ist.

Brennstoffzellen Gabelstapler (Foto: Air Liquide)

Nindel arbeitet für HyPulsion und zeichnet dort verantwortlich für Business Development. Er kümmert sich also um die Geschäftsentwicklung. Das bedeutet, dass er potentielle Kunden für die von seinem Unternehmen angebotenen Produkte suchen muss. Er selbst sagt über seine Tätigkeit in seiner ihm eigenen teilweise leicht flapsigen Art: „Ich gehe im Prinzip Klinken putzen.“

Der ehemalige Leiter des Spezialgasegeschäfts im Bereich Electronics in Deutschland versucht ein Produkt im deutschsprachigen Raum zu verkaufen, das in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Kanada bereits über 5.000-mal an den Mann gebracht werden konnte. Angesichts solcher Produktionszahlen würde man denken, dass die Vermarktung auch in Europa nicht allzu schwer sein dürfte – aber das täuscht. Seit mittlerweile schon mehreren Jahren scheint es hier beim Thema „brennstoffzellenbetriebene Niederflurzeuge“ nicht wirklich voranzugehen. Die Wechselwilligkeit von Logistikunternehmen ist nicht wirklich hoch. Wer bereits eine ganze Halle voller Akkumulatoren hat, will diese Investition nicht einfach in den Wind schreiben.

Hinzu kommt, dass viele Standortleiter sofort abwinken, sobald Brennstoffzellen angesprochen werden. Etlichen von ihnen klingen noch die Versprechen der Vergangenheit in den Ohren. Wiederholt wurde der Durchmarsch der Brennstoffzellenantriebe proklamiert, herausgekommen ist dabei aber kaum etwas. Verständlich, dass die heutigen Entscheider ihm nicht glauben, wenn Michael Nindel erzählt, jetzt sei die Technik wirklich marktreif. Der Vertriebler ist zwar erst seit September 2013 zu Akquisezwecken in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs, aber in den seitdem vergangenen Monaten hat er sich oft genug anhören müssen, dass man jetzt erst einmal abwarten wolle. Schnell wurde ihm klar, dass er in einem deutlich schwierigeren Umfeld agiert, als er zunächst erwartet hatte.

„Die Systeme laufen“

Bei einer individuellen Präsentation im Rahmen eines Besuchs in Düsseldorf erklärt er trotzdem ausführlich und geduldig, worum es bei ihm im Wesentlichen geht: HyPulsion ist ein Joint Venture des französischen Gaseunternehmens Air Liquide und des US-amerikanischen Brennstoffzellensystemherstellers Plug Power, an dem die Franzosen 80 Prozent der Anteile halten. Das seit März 2012 existierende Unternehmen wurde extra dafür gegründet, die Brennstoffzellensysteme, die seit Jahren auf dem nordamerikanischen Markt etabliert sind, auch in West-Europa einzuführen. Und sein Job ist es, diese Markteinführung in die Tat umzusetzen.

Plug Power stellt bereits seit etlichen Jahren BZ-Systeme für Niederflurzeuge her. In diesen GenDrive-Systemen werden PEM-Brennstoffzellen-Stacks aus dem Hause Ballard eingebaut. Diese Stacks des kanadischen BZ-Herstellers gelten als Qualitätsprodukt, so dass Nindel voller Stolz berichtet: „Die Systeme von Plug Power laufen mit einer Verfügbarkeit von über 98,5 Prozent“.

Wasserstoff-Zügige Betankung statt langwieriger Aufladung (Geitmann)

Zunächst wurden diese GenDrive-Systeme in den Niederflurzeugen der US-amerikanischen Hersteller eingebaut. Mittlerweile hat Plug Power sie aber auch für andere gängige Modelle angepasst und CE-zertifiziert. Es gibt drei standardisierte Kompaktsysteme für unterschiedliche Leistungsklassen, wobei das größte über eine Wasserkühlung wahlweise mit 48 V und 80 V verfügt, während die kleineren eine Luftkühlung haben. Die Systemkosten von ehemals 60.000 Euro konnten innerhalb der letzten zwei Jahre mehr als halbiert werden. Nindel schwärmt dementsprechend vom hohen Reifegrad dieser Systeme und sagt: „Wir haben ein Produkt, das wir Plug-&-Play einsetzen können. […] Nachteile fallen mir dazu eigentlich gar keine ein.“

Der Einsatz rechnet sich

In den USA zählt Plug Power über 20 verschiedene Kunden an insgesamt 46 Standorten. Bei den dortigen rund 8.000 Wasserstoff-Betankungen täglichen werden insgesamt 4,5 Tonnen Wasserstoff verbraucht – pro Tag. Trotz dieser Zahlen sind viele potentielle Kunden, mit denen er auf dieser Seite des Atlantiks spricht, skeptisch. Bisher sind in Europa erst rund 20 Exemplare bei einer IKEA-Filiale in Lyon sowie neun Niederflurzeuge im BMW-i3-Werk in Leipzig im Einsatz. Rund ein Dutzend weiterer Exemplare fährt in Belgien und Frankreich.

Nindel rechnet aber vor, dass sich der Einsatz dieser modernen Technik auch aus ökonomischer Sicht lohnt, zumindest, wenn die Auslastung ausreichend hoch ist: „Kunden, die mehr als 50 solcher Fahrzeuge bei einer hohen Auslastung im Mehrschichtbetrieb einsetzen, können mit der Umstellung deutliche Einsparungen erzielen.“ Die Kostenreduktion rührt unter anderem auch daher, dass neben der vergleichsweise hohen Effizienz von Brennstoffzellen bei dieser Technologie auch die großen Lagerflächen für Ersatzbatterien wegfallen. Anstelle von großen Akku-Hallen ist nur eine wenige Quadratmeter große Betankungsstation vonnöten. Der HyPulsion-Verkäufer versichert: „Wir bieten einen Effizienzgewinn von 10 bis 15 Prozent.“

Dementsprechend hat er als potentielle Kunden insbesondere große Logistikunternehmen im Auge, in denen die Flurzeuge möglichst im Drei-Schicht-Betrieb mit wenig Stillstandzeiten unterwegs sind. Nindel erklärt: „Bei batteriebetriebenen Flurförderzeugen dauert der Batteriewechsel bis zu 20 Minuten, hinzu kommt der hohe Wartungsbedarf. Die Betankung mit Wasserstoff, die der Fahrer selbst durchführen kann, dauert je nach Fahrzeuggröße maximal ein bis drei Minuten.“ Ausgelegt sind die BZ-Systeme für 20.000 Betriebsstunden, wobei
ein einmaliger Stack-Wechsel nach der Hälfte der Zeit mit eingeplant ist.

Großes Potential

In den USA und Kanada, wo es große Lagerzentren gibt, in denen sich Effizienzeinsparungen schneller rentieren, zählt Plug Power zahlreiche namhafte Unternehmen zu seinen Kunden (z. B. BMW, Coca Cola, Sysco, Walmart). Etliche von denen haben nach erfolgreichen Tests weitere BZ-Fahrzeuge für ihre anderen Standorte bestellt. Dieses Potential sieht Nindel auch hier. Er sagt: „Plug Power hat die Technologie in den USA erfolgreich etabliert. Das setzen wir jetzt auch in West-Europa um.“

Bevor diese Vision allerdings Realität werden kann, muss nach Meinung des gebürtigen Leipzigers ein Umdenken stattfinden: Es muss sich zunächst der Gedanke etablieren, dass einige Brennstoffzellenprodukte mittlerweile tatsächlich marktreif sind. Seinen Ausführungen zufolge glaubt kaum einer den Zusicherungen, dass diese Produkte wirklich ausgereift seien, solange nur Demonstrations- und Förderprojekte mit einzelnen Prototypen die Medien beherrschen. Anstatt allerdings auf langwierige Förderprogramme zu warten, führt er lieber weiter seine Vertriebsgespräche.

Weitere Infos:
http://www.plugpower.com
http://www.plugpower.com/about-us/partners/hypulsion/


Autor: S. Geitmann für energieportal24.de

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