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Die 25 größten Energieirrtümer

Fachbericht | Wörter: 1521 | Aufrufe: 8191 | Druckbare Version

Mythen, die jeder, der sich für die Energiewende einsetzt, kennen sollte

Wo die Skeptiker der Energiewende irren

100% Grünstrom sind heute noch gar nicht möglich. Erst müssen bezahlbare Speicher für die schwankende Stromerzeugung aus Wind und Sonnenlicht gefunden werden.

Wird das Stromnetz genügend verstärkt und das Speichervermögen der existierenden Stauseen besser genutzt, dann ist eine vollständige Versorgung mit Grünstrom möglich und sogar so kostengünstig, dass der Strom billiger werden könnte. Alle hierfür benötigten Technologien sind heute bereits vorhanden. Es fehlt nur am Willen der Politiker, Wähler und Interessenverbände.

Atomkraft ist eine saubere Energieform.
Wird seit Fukushima zum Glück kaum mehr behauptet. Aber selbst im Normalbetrieb ist die Atomkraft nicht so sauber, wie viele glauben: Die Gewinnung von Uran hinterlässt Berge von strahlendem Gestein und ist so energieintensiv, dass Atomkraftwerke ca. ein Drittel so viel Kohlendioxid wie moderne Gaskraftwerke freisetzen.
Atomkraftwerk Isar
Atomkraftwerk Isar


Windräder, Solaranlagen usw. verbrauchen mehr Energie als sie erzeugen.
Das war vor langer, langer Zeit mal so. Heutige Solarmodule zur Stromerzeugung brauchen in Mitteleuropa einige Jahre, um die Energie, die ihre Herstellung gekostet hat, wiederzugewinnen. Windkraftwerke rechnen sich energetisch in weniger als einem Jahr.

Wir sollten nicht die teuren Öko-Kraftwerke bauen sondern erst mal die billige Wasserkraft ausschöpfen.
Die Wasserkraft wird bereits sehr stark genutzt. Umweltschützer fordern, die letzten verbliebenen freien Fließstrecken unberührt zu lassen. Selbst bei einem Vollausbau könnte höchstens das Stromverbrauchswachstum einiger Jahre abgedeckt werden. Um andere Formen der Ökostromproduktion (und um's Energiesparen) werden wir also nicht herumkommen.

Eine Förderung über Quoten, die nicht bestimmte Technologien vorschreiben, wäre günstiger.
Quotensysteme wurden in einigen Ländern versucht, aber Einspeisetarife erwiesen sich als billiger und effektiver. Ohne gezielte Technologieförderung hätten wir heute nicht so günstige Photovoltaik und viel weniger Ökostrom.

Wo die Optimisten der Energiewende irren

Es gibt genug Biomasse, um unseren gesamten Energiebedarf damit zu decken.
Selbst wenn wir auf unserem gesamten Ackerland Energiepflanzen anbauen, reicht das nur für einen Bruchteil unseres Energiebedarfs. Wollten wir nur unsere Wälder als Energiequelle nutzen, wäre schon nach wenigen Jahren der letzte Baum verheizt. Ein großes Biomasse-Kraftwerk in Wien, das Holzzuwächse aus einem Umkreis von 100 km verbrennt, erzeugt nur 24,5 MW Elektrizität. Ganz Wien hat aber einen Leistungsbedarf von über 1000 MW. Biomasse ist also nicht die große Lösung.

Wir hätten schon längst 100% Ökostrom, wenn die Mächtigen (Konzerne, Lobbys etc.) es nicht verhindern würden.
In einer Demokratie und Marktwirtschaft ist der Wähler bzw. Kunde der Mächtigste. Leider wollen die meisten, dass ihr Strom möglichst billig ist.

Ökostrom ist eigentlich billiger als konventioneller Strom.
Die Schäden durch den Klimawandel werden in Studien mit bis zu 100 Euro pro freigesetzter Tonne Kohlendixoid beziffert. Ein Braunkohlekraftwerk, das 1000 g Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde Strom ausstößt, verursacht somit Klimakosten von 10 Cent/kWh. Zzgl. Produktionskosten von ca. 3 Cent/kWh wäre das immer noch weit unter den derzeitigen Einspeisetarifen für Solarstrom in Deutschland. Billiger kann der Ökostrom dann sein, wenn er dort produziert wird, wo es am meisten Wind bzw. die meiste Sonne gibt, und wenn der Strom über ein Supernetz möglichst ohne Zwischenspeicherung zu den Verbrauchern fließen kann.

Windstrom steht schon an der Schwelle zur Wirtschaftlichkeit.
Die Kostenentwicklung von Windkraftwerken verlief in den letzten 10 Jahren leider enttäuschend: Wenn konventionelle Energien teurer werden, steigen i. A. auch die Rohstoffkosten, was wiederum den Bau von Windrädern verteuert, und die Konkurrenzfähigkeit des Windstroms bleibt so unerreichbar wie die Karotte an der Schnur vor dem Esel. (Trotzdem ist Windstrom die günstigste Ökostromquelle, die noch ausreichend Potenzial hat.)

Gäbe man auf alle Dächer Solarzellen, wäre der gesamte Strombedarf gedeckt.
Mit allen gut geeigneten Dächern könnte gerade mal ein Drittel des Strombedarfs gedeckt werden. Auf Dächern, die nach Norden weisen oder aus anderen Gründen überwiegend im Schatten sind, bräuchten Solarzellen sehr lange, um allein die zu ihrer Herstellung verbrauchte Energie zurückzugewinnen.
Solardach
Solardach


Solarzellen sind völlig risikolos.
Die Feuerwehr warnt davor, das Dach lückenlos mit Solarzellen zu decken, da bei einem Brand unter dem Dach das Löschwasser wirkungslos abperlt. Außerdem können die von den Modulen erzeugten bis zu 1000 Volt gefährlich werden, weshalb die Installierung von Sicherheitseinrichtungen möglichst nahe an den Modulen dringend angeraten wird, damit die Feuerwehrleute auch im Brandfall das Haus ohne Stromschlaggefahr betreten können.

Wo die Anhänger kleiner, dezentraler Lösungen irren

Kleine Kraftwerke sind günstiger.
Das stimmt leider weder hinsichtlich Kosten noch Energieeffizienz. Kleine Kraftwerke sind i. A. pro erzeugbarer Kilowattstunde teurer und haben meist auch einen geringeren Wirkungsgrad. Kleinwasserkraftwerke haben die gleichen negativen Auswirkungen auf die Biotope wie große.

Kleine, dezentrale Stromerzeuger machen einen Stromnetzausbau überflüssig.
Da es keine kostengünstigen lokalen Stromspeicher gibt, sind gerade Windräder und Solarzellen auf ausreichende Netzkapazitäten angewiesen. Fehlende Leitungsverbindungen machen die Energiewende beim heutigen Stand der Technik wirtschaftlich unmöglich. Wenn wir 100% Ökostrom haben wollen, dann brauchen wir neue Strommasten. Erdkabel oder lokale Speicher sind um ein Vielfaches teurer.
Windräder brauchen ein starkes Stromnetz
Windräder brauchen ein starkes Stromnetz


Strommasten werden nur für den Profit der Stromnetzbetreiber bzw. für den Handel mit Atom- oder Kohlestrom aufgestellt.
Die schwankenden Erzeuger brauchen ein starkes Netz viel mehr als Atom- oder Kohlekraftwerke. Stromnetzbetreiber stehen unter Aufsicht von Regulierungsbehörden, welche den "Profit" deckeln und weder unnötige Leitungen genehmigen noch eine Diskriminierung bestimmter Netznutzer dulden. Generell hinkt der Netzausbau dem Ausbau der Erneuerbaren hinterher, was auch an den langen Genehmigungsverfahren und den vehementen Protesten von Leitungsgegnern liegt.

Stromtransport über weite Strecken ist teuer und verlustreich.
Selbst von Nordafrika bis Mitteleuropa gingen nur 10–15% des Stroms verloren und die Kosten beliefen sich auf nur 1–2 Cent/kWh.

Wir müssen energieautark sein, damit wir unabhängig sind.
Unabhängigkeit ist natürlich schön, aber sie hat ihren Preis: Die erforderlichen Stromspeicher, um Flauten ohne Rückgriff auf einen internationalen Netzverbund überbrücken zu können, wären astronomisch teuer. Außerdem gehen bei der Speicherung 20–60% der Energie verloren, was bedeutet, dass entsprechend mehr Öko-Kraftwerke zu finanzieren wären.

Irrtümer von Energieverbrauchern

Wir brauchen nicht Energie sparen, da wir ohnehin immer mehr Erneuerbare verwenden.
Schön wär’s! Global hat die Energiewende noch nicht einmal begonnen. Die Treibhausgasemissionen sind seit 1990 um die Hälfte gestiegen. In Europa wurde noch kein einziges konventionelles Wärmekraftwerk überflüssig gemacht. Der geförderte Ökostrom hat gerade mal das Stromverbrauchswachstum abgedeckt.

Nicht der kleine Verbraucher sondern die Industrie muss sparen.
Alle müssen sparen, wobei zu beachten ist, dass auch der Kauf von Produkten Energieaufwand verursacht. Eine Entkopplung von Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum ist nirgends in Sicht. Trotz laufend steigender Effizienz geht der Verbrauch nicht zurück, weil immer mehr produziert und gekauft wird.

Ökostrom kann man bedenkenlos verbrauchen.
In Deutschland und in ganz Europa werden nach wie vor 3/4 des Stroms mit fossiler Energie oder mit Atomkraftwerken erzeugt. Es gibt also keine Ökostrom-Überschüsse, die man umweltneutral verbrauchen könnte, denn der verbrauchte Ökostrom fehlt dann als Ersatz für konventionell erzeugten Strom. Weder ist eine ökostrombetriebene Stromheizung umweltfreundlich, noch fährt ein mit Ökostrom aufgeladenes Elektroauto "emissionsfrei".
Ökostrom-Ladestation für Elektroautos
Ökostrom-Ladestation für Elektroautos


Im verbundenen Stromnetz mit einem gemeinsamen Strommarkt kann man nicht gezielt den umweltfreundlichsten Strom verbrauchen.

Durch den Wechsel zu einem Ökostrom-Anbieter werden neue Ökostrom-Kraftwerke gebaut.
Die allermeisten umweltfreundlichen Kraftwerke wurden und werden aufgrund der öffentlichen Förderungen (EEG) gebaut. "Spenden" von Ökostrom-Käufern werden eigentlich nicht benötigt, um die Kraftwerke zu finanzieren. Der Kauf von Ökostrom ist vor allem ein Signal an die Politik. "Ein guter Ökostromanbieter ist Teil der Umweltbewegung und kämpft politisch für eine saubere Energiebranche ohne Kohle und Atom", informiert Greenpeace Energy.

Durchheizen ist energiesparend.
Man kann keine Energie sparen, wenn man eine höhere Temperatur als nötig aufrecht erhält. Das Wiederaufheizen ergibt keinen Mehrverbrauch. Der Versuch, mittels Durchheizen den Energieaufwand für das Wiederaufheizen zu sparen, wäre so, wie ein Auto nicht zu parken sondern ständig im Kreis fahren zu lassen, um den
Energieaufwand für das Wiederbeschleunigen zu sparen. (Aus Gründen des Komforts oder der Schimmelvorbeugung kann Durchheizen jedoch angebracht sein.)

Irrtümer über die Zukunft

Wir brauchen dringend intelligente Stromnetze.
Die Rundsteuertechnik ermöglicht bereits seit vielen Jahrzehnten die Verlagerung von Stromverbauch (z. B. Nachtstrom). Angesichts dessen, dass bei einer hundertprozentigen Versorgung mit Ökostrom zeitweise ein Mehrfaches des Verbrauches erzeugt wird, können intelligente Stromnetze nicht die große Lösung sondern allenfalls eine geringfügige Abmilderung des Speicherproblems bzw. des fehlenden Stromnetzausbaus sein.

Wir brauchen dringend Elektroautos.
Ökostrom kann entweder Erdgas bzw. Kohle in konventionellen Kraftwerken ersetzen oder Benzin bzw. Diesel, wenn Elektroautos statt konventioneller Autos verwendet werden. In beiden Fällen werden ungefähr die gleichen Treibhausgas-Minderungen erzielt, daher brauchen wir vor allem effizientere Autos und einen Ausbau des öffentlichen Verkehrs.

Das Benzin geht uns aus.
Leider nicht, denn auch aus Kohle kann man Benzin herstellen, und Kohle reicht noch für Jahrhunderte. In Südafrika wird die Kohleverflüssigung bereits im großen Maßstab angewandt.
Wasserwirbelkraftwerk Ober-Grafendorf
Wasserwirbelkraftwerk Ober-Grafendorf


Wir brauchen neue, innovative Kraftwerkstypen wie Wellenkraftwerke, Wasserwirbelkraftwerke, Fallwindkraftwerke usw.
Heute verfügbare Technologien reichen völlig aus, um die fossilen und nuklearen Energien vollständig abzulösen. Für neue Kraftwerkskonzepte ist aufgrund ihrer hohen Kosten bzw. relativ kleinen Erzeugungsleistung derzeit kein großer Durchbruch absehbar.



Mario Sedlak studierte Mathematik und arbeitet seit 5 Jahren als Fachexperte in der Strombranche in Wien.

Website: www.sedl.at
Kontakt: mario@sedl.at

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