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Elektromobilität Wirtschaft, zurück in die Vergangenheit

Fachbericht | Wörter: 750 | Aufrufe: 8138 | Druckbare Version

Anlässlich des Gipfeltreffens führender Automobilisten mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich die öffentliche Diskussion um ein Für und Wider Elektromobilität verschärft. Während die Vertreter der Automobil- und Energiewirtschaftsbranchen diesen Termin für groß angelegte Marketing-Kampagnen nutzen, warnen Umweltschutzverbände vor überzogenen Erwartungen und „undifferenzierter Euphorie“. Konkret forderten Greenpeace Deutschland, der Naturschutzbund Deutschland (NABU), der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) vier Tage vor dem Kanzleringipfel in einer gemeinsamen Pressekonferenz einen Realitätscheck für Elektromobilität.

Die Verbände kritisierten, Elektromobilität brächte den Klimaschutz nicht voran. Sie bemängelten weiterhin, die Regierung vernachlässige ihre eigenen Klimaschutzziele und folge einseitig den Interessen der Industrie. Nach Ansicht der Umweltverbände sollten Milliardensubventionen besser in klima- und umweltverträgliche Mobilität für alle fließen.

Bild: Ulrike Fokken
Bild: Ulrike Fokken
Alle Verbandsvertreter sprachen sich gegen eine finanzielle Unterstützung von E-Autos aus. Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH, warnte vor einer „erneuten Plünderung der Steuerkassen durch die Autokonzerne“ und erklärte gegenüber der Presse: „Wir haben alle größte Zweifel.“ [...] „Wir brauchen bei 100 % der Fahrzeuge Entwicklungsvorgaben zur Effizienzsteigerung ohne Technikvorgaben.“ Für ihn heißt Elektromobilität: „Zurück in die Zukunft“ oder besser: „Zurück in die Vergangenheit“, da aus seiner Sicht die Anzahl der E-Fahrzeuge über die vergangenen 100 Jahre eher ab- als zugenommen hat. Er befürchtet, dass E-Autos ebensolche „Luftnummern“ werden wie Brennstoffzellen und Biokraftstoffe. Resch schlug daher ein aufkommensneutral finanziertes Marktanreizprogramm vor, das die besonders sparsamen Fahrzeuge unabhängig von der Technologie fördert und Spritschlucker zur Gegenfinanzierung mit einer Strafsteuer belegt. Er verwies darauf, dass sich dieses Bonus-Malus-System in Frankreich und Dänemark bereits bewährt habe. Auch Dietmar Oeliger, NABU-Verkehrsexperte, sprach sich für „technikneutrale Verkaufsanreize“ und „gegen Verkaufsprämien“ aus und stellte ein Stufenmodell zur Realisierung eines Bonus-Malus-Systems vor.

Am deutlichsten wandte sich Wolfgang Lohbeck, verkehrspolitischer Sprecher von Greenpeace Deutschland, gegen diesen neuen E-Mobilitäts-Hype: „Grüner Strom im Auto ist Unsinn im Quadrat.“ Er bezichtigte RWE der Lüge, wenn der Energieversorger behaupte, es käme grüner Strom ins Auto zum Beispiel von der Mosel. Seiner Meinung nach „liegt das Potential für die CO2-Einsparung auf absehbare Zeit bei den Verbrennungsmotoren.“ Demgegenüber wenden E-Auto-Befürworter ein, das Optimierungspotential bei Otto- und Dieselmotoren sei nach über 100 Jahren Entwicklungsarbeit weitestgehend ausgereizt, so dass E-Antriebe hier noch über bedeutend mehr Möglichkeiten verfügen.

Thorben Becker, Energieexperte beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland e.V., ging auf die Bereitstellung erneuerbarer Energien ein und vertrat die Meinung, der bereits vorhandene Ökostrom würde an anderer Stelle dringender benötigt: „Wir haben keinen Strom aus Erneuerbaren über.“ Dass es insbesondere bei Windkraftwerken durchaus Überkapazitäten gibt, wollte er auch auf Nachfrage der Redaktion nicht gelten lassen.

Gerd Lottsiepen, Verkehrsclub Deutschland, warnte vor einer „Irreführung der Verbraucher“. Er sagte: „Die Werbung suggeriert, Elektroautos seien schnell verfügbar. Fakt ist, dass es zurzeit nur Kleinstserien gibt.“ Weiterhin trat Lottsiepen dafür ein, jetzt endlich die Farb-Skala zur Bewertung umweltfreundlicher Fahrzeuge einzuführen, wie sie auch schon bei Küchengeräten und Glühbirnen in Anwendung ist. Weiterhin sagte er: „Den Leuten muss gesagt werden, dass Mobilität in Zukunft teurer wird.“

Etwas optimistischer geht der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) an dieses Thema heran. Er sieht in der Elektromobilität „große Chancen für eine zukunftsweisende und nachhaltige Energieversorgung im Verkehrssektor, wenn sie mit Strom aus erneuerbaren Energien kombiniert wird.“ Damit lasse sich einerseits das knapper werdende Erdöl im Verkehrssektor ersetzen, das mit hohen Umweltbelastungen bei Produktion und Verbrennung verbunden sei. Andererseits könnten Elektrofahrzeuge mit Hilfe ihrer Batterien als Speicher für temporäre Überschüsse bei der Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenenergie fungieren und so die Integration der erneuerbaren Energien im Stromsektor erleichtern. Björn Klusmann, der BEE-Geschäftsführer, erklärte: „Elektromobilität und Erneuerbare Energien sind natürliche Partner, die es entschlossen auszubauen gilt. Dann haben wir eine Win-win-Situation für die Energieversorgung.“

Passend zu diesem Thema haben die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) im April 2010 eine Studie angefertigt, für die mehr als 500 repräsentativ ausgewählte Autofahrer befragt wurden. Felix Kuhnert, Leiter des Bereichs Automotive bei PwC, fasste die Ergebnisse zusammen: „Die Autofahrer stehen der neuen Technik zwar aufgeschlossen gegenüber. Allerdings wird das Elektroauto in Deutschland nur dann zum Erfolg, wenn es die bestehenden Mobilitätsanforderungen erfüllt und nicht umgekehrt eine Anpassung der Konsumenten an technische Beschränkungen verlangt.“ Somit habe das Elektroauto in Deutschland auf absehbare Zeit nur begrenzte Marktchancen, da der sofortige Umstieg auf diese Technologie zu teuer sei. Bis entsprechend leistungsfähige und bezahlbare Batterien für den elektrischen Antrieb zur Verfügung stehen, sind jedoch Investitionen in Milliardenhöhe notwendig.

Autor und Foto (Ulrike Fo
kken im Gespräch): Sven Geitmann


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