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Waldbaukonzepte im Vergleich

Fachbericht | Wörter: 853 | Aufrufe: 6424 | Druckbare Version

Bild: aboutpixel.de Baum
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Waldzerstörung ist die größte durch den Menschen verursachte Veränderung auf unserem Planeten. 1997 hat das World Resources Institute die weltweite Bedrohung der noch verbliebenen Wälder publik gemacht - von der ursprünglichen Waldfläche existiert nur noch die Hälfte. Bei den Urwäldern ist die Situation noch dramatischer: Weltweit sind bereits rund 80 Prozent der großen Urwälder verschwunden.

Dabei könnte der Holzeinschlag sowohl in den Regenwäldern als auch in den Urwäldern der Nordhalbkugel sofort gestoppt werden, denn aus den bereits genutzten Wirtschaftwäldern kann - selbst bei Wahrung der natürlichen Abläufe - ausreichend Holz gewonnen werden. In Deutschland wirtschaften mehrere Forstbetriebe erfolgreich nach den Kriterien der ökologischen Waldnutzung. Die Kennzeichnung mit dem FSC (Forest Stewardship Council)-Siegel garantiert die umweltverträgliche Herkunft des Holzes und stützt die Betriebe bei der Vermarktung.

Forstwirtschaft auf dem Holzweg

Bild: aboutpixel.de Wald
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Trotz langjähriger positiver Erfahrungen der Betriebe, die nach FSC-Kriterien wirtschaften, qualifizieren Vertreter der konventionellen Forstwirtschaft Öko-Holz als wirtschaftlich nicht konkurrenzfähig ab.

Um der oftmals ideologisch geführten Diskussion Fakten zugrundezulegen, haben Greenpeace, BUND, Naturland und Robin Wood 1998 ein Wirtschaftlichkeitsgutachten in Auftrag gegeben, das die ökonomische Zukunftsfähigkeit von drei Waldbaukonzepten modelliert. Die Simulation basiert auf der Struktur (Größe, Lage, Alter, Baumarten-Zusammensetzung) des Lübecker Stadtwaldes, der bereits nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet wird. Berechnet werden Zeiträume von zehn und vierzig Jahren.

Außerdem werden unterschiedliche gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen zugrunde gelegt: Einmal werden die heutigen Verhältnisse fortgeschrieben, zum anderen die Auswirkungen durch die ökologische Steuerreform auf Lohn- und Energiekosten und damit auf die Erträge vorweggenommen.

Wilder Wald - halbwilder Wald - Stangenwald

Die Studie untersucht die folgenden Waldkonzepte: Die Altersklassenwirtschaft (AKWI), ein in Deutschland weit verbreitetes konventionelles Modell, das Niedersächsische Landesprogramm zur Ökologischen Waldentwicklung (LÖWE) mit weitgehend naturnahen Ansätzen und das Prozessschutzkonzept als möglichst ökologisches Waldbaumodell.

Leitbild bei letzterem ist die natürliche Vielfalt und Entwicklung des Waldes. Der bewirtschaftete Wald soll einem ungenutzten Wald möglichst ähnlich sein und bedrohten Tieren und Pflanzen wieder Lebensraum bieten. Zusammensetzung der Baumarten und Altersstruktur bleiben weitgehend der Natur überlassen. Eingeschlagen werden nur einzelne reife Bäume. Kahlschlag und Monokulturen sind ebenso verboten wie der Einsatz von Pestiziden und Dünger. In jedem Betrieb werden Referenzflächen ausgewiesen, die unberührt bleiben.

AKWI hingegen ist von höchstmöglicher Ertragserwartung geprägt. Dazu wird in hohem Maße in die Natur eingegriffen: Ertragsstarke Baumarten werden gepflegt, ertragsschwache möglichst verbessert, Freiflächen werden möglichst schnell aufgeforstet. Düngung, Unkrautbekämpfung und Schutzmaßnahmen gegen Wild oder Insekten sind üblich. Es gibt starke Durchforstungen zur Negativauslese, Totholz wird entfernt, die Nutzung ist technisch optimiert. Dabei werden ganze Flächen kahlgeschlagen. Waldschutzgebiete sind auf das gesetzlich Notwendige beschränkt.

Der LÖWE-Ansatz liegt dazwischen: Hier sollen Standort gerechte, an der natürlichen Waldgesellschaft orientierte Wälder entstehen. Klassische Forstschutzmaßnahmen bleiben beschränkt. Auch hier werden nur einzelne Bäume eingeschlagen. Gleichzeitig wird ein Naturschutzkonzept umgesetzt, das auch Totholz zulässt und Referenzflächen beinhaltet.

Ergebnisse der Simulationen

Bild: aboutpixel.de Waldweg
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Wegen der großen Vorräte an ertragsstarken und wertvollen Laubhölzern liegen die Erträge im Lübecker Forst in den nächsten zehn Jahren - verglichen mit dem Bundesdurchschnitt - deutlich höher, und zwar bei allen drei Konzepten in der Größenordnung von 50 Euro pro Hektar und Jahr. Dabei schneidet das konventionelle AKWI-Modell mit 64 Euro gegenüber dem Prozeßschutz mit 45,50 Euro am besten ab. Die Erlöse pro Festmeter sind annähernd gleich hoch.

Simuliert man einen Zeitraum von vierzig Jahren, ergibt sich ein völlig anderes Bild: Sowohl pro Hektar als auch pro Festmeter ist der Reinertrag beim Prozessschutzmodell doppelt so hoch wie bei der AKWI. Dies erklärt sich aus der bis dahin entstandenen Alters- und Baumartenstruktur: Das ökologischste Konzept lässt die Vorräte an wertvollen Laubhölzern wie Eiche stark ansteigen, während diese bei den Methoden konventioneller Forstwirtschaft deutlich sinken.

Umgekehrt verhält es sich im weitaus weniger gewinnträchtigen Nadelholzbereich: Hier liegen die größten Vorratssteigerungen des AKWI-Modells. Insgesamt gesehen wird bei AKWI so viel Holz geschlagen wie nachwächst, während der Prozessschutz seine Vorräte - und hier vor allem die wertvollen - deutlich steigert. Naturnahe Waldnutzung ist also eine Investition in die Zukunft.

Variiert man gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen, würden sich schon im Zehn-Jahres-Zeitraum die momentan noch unterschiedlich hohen Reinerlöse angleichen. Da bei der ökologischen Waldwirtschaft arbeitsintensive Eingriffe wie Pflanzungen, Pflege und Durchforstung auf ein Minimum reduziert sind, ist sie weniger anfällig gegenüber steigenden Lohnkosten. Diese können auch trotz des verstärkten Einsatzes schweren Geräts in der AKWI nicht kompensiert werden.

Die konventionelle Forstwirtschaft müsste wegen der Maschinen bei höheren Energiepreisen infolge der Ökosteuer am stärksten draufzahlen, während die Öko-Betriebe glimpflich davonkämen. Doch insgesamt betrachtet, würden alle Forstmodelle durch eine konsequent umgesetzte Ökosteuer (höhere Energiepreise mit gleichzeitiger Entlastung bei den Lohnnebenkosten) profitieren.

Bei den Berechnungen wurden Risiken durch Sturmschäden oder Käferbefall außer Acht gelassen. Diese machen in AKWI-Wäldern heute bis zu 70 Prozent der Holzentnahme aus. Auf lange Si
cht sinkt das Betriebsrisiko durch solche erzwungenen Nutzungen bei natürlich bewirtschafteten Wäldern deutlich.

Auch auf Holzpreisschwankungen reagiert das Prozessschutzmodell am wenigsten: Hier wird auf Klasse statt Masse gesetzt, so dass sinkende Schwachholzpreise durch höhere Erlöse im Starkholzbereich ausgeglichen werden können. Die Simulationen für das LÖWE-Konzept bewegen sich immer zwischen den beiden anderen Modellen und werden hier nicht mehr im Detail beschrieben.

Was bringt die Zertifizierung?

Die Vorteile der Zertifizierung mit dem glaubwürdigen FSC-Zeichen machen sich bezahlt: In Deutschland wächst der Markt für Öko-Holz stetig, Umfragen zeigen, dass Verbraucher sogar bereit sind, für ökologisch erzeugtes Holz tiefer in die Tasche zu greifen. Zertifizierte Produkte sind konkurrenzfähiger und bedienen einen ständig wachsenden Markt. Neben handfesten ökonomischen Vorteilen wirkt der Imagegewinn ökologisch produzierender Betriebe auf Dauer belebend auf die meist strukturschwachen Regionen.

Dem Öko-Wald gehört die Zukunft

Zertifizierter Wald ist sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch und sozial zukunftsfähig: Der international anerkannte FSC befolgt von Gewerkschaften, Waldbesitzern und Umweltverbänden gemeinsam erarbeitete Kriterien.

Das Prozessschutz-Modell entspricht der natürlichen Dynamik und Entwicklung der Wälder am ehesten. Die Studie zeigt, dass es den anderen Konzepten langfristig auch ökonomisch weit überlegen ist, denn durch die Ökosteuer profitieren Modelle, die weniger in die Natur eingreifen.



Text: Greenpeace Deutschland



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