REpower und Areva T&D schicken norddeutsches
Windkraft-Know-how auf die Reise
Der Fahrer manövriert den Wagen über die kurvige Piste,
weicht Schlaglöchern und Steinbrocken aus. Die Kieler Techniker
hoffen inständig, dass am Auto diesmal alles heil bleibt.
Motorwannen und Auspuffanlagen haben sie sich bereits ruiniert
bei ihren Fahrten am abgelegenen Küstenstreifen Apuliens, ganz
unten an Italiens Stiefelabsatz. Hier wohnt niemand, dafür ragen
mächtige Windräder in die Höhe. „In dieser Gegend bläst
der Wind bis zu 48 Stunden mit konstanter Stärke“, lobt
Ingo Haak die Bedingungen, „davon können wir in Deutschland
nur träumen.“
Der Ingenieur aus Kiel leitet für die Areva T&D eine
Technikertruppe, die Windkraftanlagen ans Stromnetz anschließt.
Gemeinsam mit dem Hamburger Unternehmen REpower exportieren die
Ingenieure deutsche Windkraft-Technik nach Italien.
Schleswig-Holstein ist Windenergie-Land: Die 2.565 Windräder im
Bundesland erzeugten im Jahr 2007 rund 5.200 Gigawattstunden
Strom und deckten damit 40 Prozent des Strombedarfs, so das
Kieler Ministerium für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr.
Kein Wunder, dass
Windenergie-Knowhow aus Schleswig Holstein nach ganz Europa auf
die Reise geht. „Während der Trend in Deutschland zu
Offshore-Parks auf dem Meer geht, herrscht im Ausland
Nachholbedarf“, erläutert Haak. „Wir installieren neue
Anlagen derzeit fast ausschließlich im Ausland, vornehmlich in
Italien, Frankreich und Großbritannien, aber auch aus Belgien,
Portugal und Spanien haben wir immer mehr Anfragen“, fährt
er fort. Der nächste Boom-Markt für regenerative Energien
könnte Nordamerika werden.
Gemeinsam haben Areva T&D und REpower bereits mehr als 300
Anlagen installiert. Als sie 2004 das erste Windrad im apulischen
Troia aufstellten, lief nicht alles rund: „Die neuen
Elektroanlagen waren innerhalb von zwei Tagen aus Deutschland in
Bari, brauchten aber für die letzen dreißig Kilometer aus
unerfindlichen Gründen noch einmal eine Woche“, berichtet
Haak. Seither kümmert sich Areva selbst um den Transport und
liefert das Material in verschlossenen Containern an. Nur so
können die Techniker sicher sein, dass jede Schraube und jeder
Draht dort ankommt, wo sie gebraucht werden (Bildquelle: Ariva).
Der Windenergiemarkt ist in Bewegung. Ein wichtiger Trend:
Repowering. Gemeint ist der Austausch alter Anlagen gegen
leistungsstärkere neue. So nahm 2007 in Schleswig-Holstein die
installierte Leistung um 129 Megawatt zu, während die Zahl der
Windräder gleichzeitig um 21 abnahm. „Es lohnt sich nicht,
zwanzig Jahre abzuwarten, bis ein Windrad aus Altersgründen den
Geist aufgibt“, betont Haak. Besonders an besonders
windreichen Standorten wie z.B. am Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog
kurz vor dem Hindenburgdamm zwischen Sylt und dem Festland, wo
der steife Westwind über die See pfeift, ist der Austausch
sinnvoll. Ausgediente deutsche Windräder werden dann oft in
Afrika oder der Karibik wieder verwendet.
Für die Energietechniker bedeuten die leistungsstärkeren
Anlagen eine völlig neue Arbeitsweise. So lieferten die ersten
Anlagen eine Leistung von 50 Kilowatt, der Strom konnte noch
problemlos ins 400-Volt-Netz eingespeist werden. Später waren
Mittelspannungsnetze notwendig, heute sind die Windräder und
somit die Windparks so leistungsstark, dass sie mit dem
Hochspannungsnetz verbunden werden müssen. Dafür bauen die
Techniker eigene Umspannwerke zu den Windenergieanlagen.
Der Windpark Thornton Bank etwa, der derzeit 20 Kilometer vor
der belgischen Küste entsteht, soll im für 2010 geplanten
Endausbau in der Lage sein, rund 300 Megawatt Strom zu erzeugen:
Vier dieser Parks könnten ein Atomkraftwerk ersetzen.
Juni 2008