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Mit Energie an die Börse

Fachbericht | Wörter: 698 | Aufrufe: 3401 | Druckbare Version

Neue Energien versprechen noch viele attraktive Emissionen

Stark wachsenden Unternehmen bieten sich zwei Wege zur Kapitalaufnahme: Fremdkapital durch die Aufnahme von Krediten oder Eigenkapital durch die Aufnahme von Anteilseignern. Beide Verfahren haben sowohl Vor- als auch Nachteile: Kredite verlangen nach regelmäßigen Zins- und Tilgungsleistungen, gleich, ob die Geschäfte gut oder schlecht laufen. Dafür redet einem niemand in die Geschäftspolitik hinein. Aktionäre hingegen fordern Mitbestimmung bei der Gestaltung der Unternehmenszukunft und Rechenschaft vom Vorstand. Der Vorteil: Sind sie mit den formulierten Zielen einverstanden. So sind sie bereit, eine gewinnabhängige Ertragsausschüttung zu akzeptieren oder für eine Weile auf die Dividendenzahlung zu verzichten, wenn hohe Wachstumsinvestitionen des Unternehmens dies erforderlich machen.

Immer mehr Unternehmen entscheiden sich, Aktien auszugeben und an die Börse zu gehen. Das Emissionsverhalten unterliegt allerdings - auch im Energiesektor - gewissen Trends, die sich bei den Investoren durch die wechselnde Attraktivität verschiedener Teilbereiche oder Branchen herausbilden: Während wir im vergangenen Jahr vor allem Newcomer aus dem Solarbereich auf dem Kurszettel begrüßen konnten, sind in den letzten Monaten vermehrt Firmen aus dem Umfeld der Biokraftstoffe an die Börse gegangen.

Die Wasserstoffwirtschaft steht in den Startlöchern, und auch hier gibt es ein hohes Potential an interessierten und motivierten „Überzeugungstätern“, die bereit sind, in die Realisierung der von ihnen favorisierten Zukunft zu investieren. Nicht zuletzt in der Hoffnung, ihr Geld auf diese Weise profitabel anlegen zu können. Als eines der ersten deutschen Brennstoffzellenunternehmen wagte im Juni 2006 Heliocentris den Schritt aufs Börsenparkett. Die Deutsche Börse hat mit dem Entry Standard® unter anderem für solche Firmen ein Marktsegment geschaffen, das besonders auf die Erfordernisse von Börsengängern zugeschnitten ist. (Quelle: S.A.G. Solarstrom AG).

Immer mehr Firmen entscheiden sich daher für den Börsengang, der im Fachjargon der Banker als Initial Public Offfering, kurz IPO, bezeichnet wird. Er bietet die Möglichkeit, Entwicklungspotential und Ziele des Unternehmens einer breiten Investorenöffentlichkeit zu präsentieren. Der parallele Auftritt am Produkt- und am Finanzmarkt unterstützt nicht nur die Bekanntheit und somit das operative Geschäft: auf diese Weise lassen sich vor allem Kapitalgeber finden, die an die Vision des Unternehmens glauben, seine Ziele auch durch ein langfristiges finanzielles Engagement mittragen und somit zur Verwirklichung beitragen. Auch das Recruitment profitiert: Börsennotierte Unternehmen finden leichter qualifizierte Fachleute. Besonders, wenn durch Belegschaftsaktien und -optionen attraktive Mitarbeiterbeteiligungen angeboten werden können.

Die Zeichnung von Börsenneulingen ist spannend und kann schon nach kurzer Zeit satte Gewinne bescheren, wie es im Solarbereich beispielsweise die Emissionen von Solarworld oder Conergy bewiesen haben. Doch längst nicht jeder Börsengang wird zum finanziellen Erfolg. Die Inhaber von Aktien der Deutschen Telekom können ein Lied davon singen.

Zudem ist der Energiesektor stark von der Entwicklung der Rohstoffpreise, insbesondere vom Ölpreis, abhängig. Steigt dieser, so werden alternative Energien deutlich attraktiver und höher bewertet. Sinkt der Ölpreis, so lässt das Interesse an Alternativen deutlich nach.

Deshalb gilt es, vor und innerhalb der Zeichnungsfrist besonders gründlich zu recherchieren. Ein klangvoller Name reicht nicht. Wohinein will der Emittent den Emissionserlös investieren? Sind die bisherige Entwicklung und die Visionen des Unternehmens (Equity Story) plausibel? Ist weiteres Wachstum wirklich möglich und ist mit dem Geschäftsmodell tatsächlich Geld zu verdienen? Sind die Ideen, Techniken oder Leistungen neu beziehungsweise einmalig oder handelt es sich um reine me-too-Adaptionen längst erhältlicher Produkte auf möglicherweise schon gesättigten Märkten?

Besonders schwer ist es für den Anleger, zu beurteilen, ob der verlangte Emissionspreis oder die entsprechende Preisspanne (Banker sprechen von der Bookbuilding-Spanne) fair gewählt und gerechtfertigt ist. Einen guten Hinweis gibt ein Blick ins Internet auf die Seiten der Wertpapierhandelshäuser Lang&Schwarz und Schnigge (www.quotecenter.de, www.schnigge.de). Auf diesen Plattformen handeln Finanzprofis die neuen Aktien bereits, bevor sie an die Börse kommen. Diese Termingeschäfte, bei denen etwas ge- und verkauft wird, was erst später geliefert werden kann, nennt man den Handel per Erscheinen. Unter dieser Rubrik kann man auf den Seiten beider Anbieter verfolgen, zu welchen Preisen Aktien gehandelt werden, deren Börsendebüt kurz bevorsteht. Übertreffen die hier gezahlten Kurse das obere Ende der Bookbuilding-Spanne bereits deutlich, so ist das ein gutes Zeichen. Liegen die Preise hier jedoch schon unter dem vom Emittenten angepeilten Emissionspreis, so ist Vorsicht geboten.

Für sehr begehrte Aktien finden sich oft weit mehr Zeichner, als Stücke zur Verfügung stehen. So waren beispielsweise die Heliocentris-Aktien zweieinhalbfach überzeichnet. Dann müssen die Zuteilungsmengen herabgesetzt (repartiert) werden. Reicht auch das nicht aus, so muss unter der Vielzahl von Zeichnern die Zuteilung verlost werden. Gerade bei attraktiven Werten ist also für reichlich Spannung gesorgt.

Quellen:

Rödl, Bernd / Zinser, Thomas; Going public – Der Gang mittelständischer Unternehmen an die Börse; Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt/M. 1999

Müller-Neuhof, Klaus / Rühle, Alf-Sibrand; Aktienerfolg mit Neuemissionen – Zeichnungsofferten richtig prüfen und bewerten; 1. Aufl. Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2001; 2. Aufl. Verlag Wissenschaft & Praxis, Sternenfels 2005

Schüller, Thorsten / Spiering, Joachim; Vernagelte Börsenstarts; Euro am Sonntag, Nr. 40 vom 1.10.2006, S. 4f

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p>Autor: Alf-Sibrand Rühle, Ruehle@hydrogeit.de



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