Neue Energien versprechen noch viele attraktive
Emissionen
Stark wachsenden Unternehmen bieten sich zwei Wege zur
Kapitalaufnahme: Fremdkapital durch die Aufnahme von Krediten
oder Eigenkapital durch die Aufnahme von Anteilseignern. Beide
Verfahren haben sowohl Vor- als auch Nachteile: Kredite verlangen
nach regelmäßigen Zins- und Tilgungsleistungen, gleich, ob die
Geschäfte gut oder schlecht laufen. Dafür redet einem niemand
in die Geschäftspolitik hinein. Aktionäre hingegen fordern
Mitbestimmung bei der Gestaltung der Unternehmenszukunft und
Rechenschaft vom Vorstand. Der Vorteil: Sind sie mit den
formulierten Zielen einverstanden. So sind sie bereit, eine
gewinnabhängige Ertragsausschüttung zu akzeptieren oder für
eine Weile auf die Dividendenzahlung zu verzichten, wenn hohe
Wachstumsinvestitionen des Unternehmens dies erforderlich machen.
Immer mehr Unternehmen
entscheiden sich, Aktien auszugeben und an die Börse zu gehen.
Das Emissionsverhalten unterliegt allerdings - auch im
Energiesektor - gewissen Trends, die sich bei den Investoren
durch die wechselnde Attraktivität verschiedener Teilbereiche
oder Branchen herausbilden: Während wir im vergangenen Jahr vor
allem Newcomer aus dem Solarbereich auf dem Kurszettel begrüßen
konnten, sind in den letzten Monaten vermehrt Firmen aus dem
Umfeld der Biokraftstoffe an die Börse gegangen.
Die Wasserstoffwirtschaft steht in den Startlöchern, und auch
hier gibt es ein hohes Potential an interessierten und
motivierten „Überzeugungstätern“, die bereit sind, in
die Realisierung der von ihnen favorisierten Zukunft zu
investieren. Nicht zuletzt in der Hoffnung, ihr Geld auf diese
Weise profitabel anlegen zu können. Als eines der ersten
deutschen Brennstoffzellenunternehmen wagte im Juni 2006
Heliocentris den Schritt aufs Börsenparkett. Die Deutsche Börse
hat mit dem Entry Standard® unter anderem für solche Firmen ein
Marktsegment geschaffen, das besonders auf die Erfordernisse von
Börsengängern zugeschnitten ist. (Quelle: S.A.G. Solarstrom
AG).
Immer mehr Firmen entscheiden sich daher für den Börsengang,
der im Fachjargon der Banker als Initial Public Offfering, kurz
IPO, bezeichnet wird. Er bietet die Möglichkeit,
Entwicklungspotential und Ziele des Unternehmens einer breiten
Investorenöffentlichkeit zu präsentieren. Der parallele
Auftritt am Produkt- und am Finanzmarkt unterstützt nicht nur
die Bekanntheit und somit das operative Geschäft: auf diese
Weise lassen sich vor allem Kapitalgeber finden, die an die
Vision des Unternehmens glauben, seine Ziele auch durch ein
langfristiges finanzielles Engagement mittragen und somit zur
Verwirklichung beitragen. Auch das Recruitment profitiert:
Börsennotierte Unternehmen finden leichter qualifizierte
Fachleute. Besonders, wenn durch Belegschaftsaktien und -optionen
attraktive Mitarbeiterbeteiligungen angeboten werden können.
Die Zeichnung von
Börsenneulingen ist spannend und kann schon nach kurzer Zeit
satte Gewinne bescheren, wie es im Solarbereich beispielsweise
die Emissionen von Solarworld oder Conergy bewiesen haben. Doch
längst nicht jeder Börsengang wird zum finanziellen Erfolg. Die
Inhaber von Aktien der Deutschen Telekom können ein Lied davon
singen.
Zudem ist der Energiesektor stark von der Entwicklung der
Rohstoffpreise, insbesondere vom Ölpreis, abhängig. Steigt
dieser, so werden alternative Energien deutlich attraktiver und
höher bewertet. Sinkt der Ölpreis, so lässt das Interesse an
Alternativen deutlich nach.
Deshalb gilt es, vor und innerhalb der Zeichnungsfrist
besonders gründlich zu recherchieren. Ein klangvoller Name
reicht nicht. Wohinein will der Emittent den Emissionserlös
investieren? Sind die bisherige Entwicklung und die Visionen des
Unternehmens (Equity Story) plausibel? Ist weiteres Wachstum
wirklich möglich und ist mit dem Geschäftsmodell tatsächlich
Geld zu verdienen? Sind die Ideen, Techniken oder Leistungen neu
beziehungsweise einmalig oder handelt es sich um reine
me-too-Adaptionen längst erhältlicher Produkte auf
möglicherweise schon gesättigten Märkten?
Besonders schwer ist es für den Anleger, zu beurteilen, ob
der verlangte Emissionspreis oder die entsprechende Preisspanne
(Banker sprechen von der Bookbuilding-Spanne) fair gewählt und
gerechtfertigt ist. Einen guten Hinweis gibt ein Blick ins
Internet auf die Seiten der Wertpapierhandelshäuser
Lang&Schwarz und Schnigge (www.quotecenter.de,
www.schnigge.de). Auf diesen Plattformen handeln Finanzprofis die
neuen Aktien bereits, bevor sie an die Börse kommen. Diese
Termingeschäfte, bei denen etwas ge- und verkauft wird, was erst
später geliefert werden kann, nennt man den Handel per
Erscheinen. Unter dieser Rubrik kann man auf den Seiten beider
Anbieter verfolgen, zu welchen Preisen Aktien gehandelt werden,
deren Börsendebüt kurz bevorsteht. Übertreffen die hier
gezahlten Kurse das obere Ende der Bookbuilding-Spanne bereits
deutlich, so ist das ein gutes Zeichen. Liegen die Preise hier
jedoch schon unter dem vom Emittenten angepeilten Emissionspreis,
so ist Vorsicht geboten.
Für sehr begehrte Aktien finden sich oft weit mehr Zeichner,
als Stücke zur Verfügung stehen. So waren beispielsweise die
Heliocentris-Aktien zweieinhalbfach überzeichnet. Dann müssen
die Zuteilungsmengen herabgesetzt (repartiert) werden. Reicht
auch das nicht aus, so muss unter der Vielzahl von Zeichnern die
Zuteilung verlost werden. Gerade bei attraktiven Werten ist also
für reichlich Spannung gesorgt.
Quellen:
Rödl, Bernd / Zinser, Thomas; Going
public – Der Gang mittelständischer Unternehmen an die
Börse; Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt/M. 1999
Müller-Neuhof, Klaus / Rühle,
Alf-Sibrand; Aktienerfolg mit Neuemissionen –
Zeichnungsofferten richtig prüfen und bewerten; 1. Aufl.
Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 2001; 2. Aufl. Verlag
Wissenschaft & Praxis, Sternenfels 2005
Schüller, Thorsten / Spiering, Joachim;
Vernagelte Börsenstarts; Euro am Sonntag, Nr. 40 vom 1.10.2006,
S. 4f