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Die Brennstoffzelle kommt AUS Deutschland – Wir sind dabei

Fachbericht | Wörter: 1480 | Aufrufe: 8167 | Druckbare Version

Die Brennstoffzelle kommt AUS Deutschland – Wir sind dabei

3. Denkwerkstatt des ostdeutschen Mittelstandes

Die Arbeits- und Forschungsgemeinschaft Brennstoffzellen, Brenngase und –flüssigkeiten - kurz AFG Brennstoffzellen – richtet sich mit dieser Denkschrift an die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag, die Regierungen der ostdeutschen Bundesländer, den Strategierat Wasserstoff – Brennstoffzellen und die Partner im BrennstoffzellenBündnis Deutschland (BZB-D).

Die 3. Denkwerkstatt mit seinen bundesweiten Partnern aus Industrie, Forschung und Politik stellt fest:

  • Innovative kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im Verbund mit wissenschaftlichen Einrichtungen der Grundlagen- und angewandten Forschung sowie mit industriellen Partnern sind die Motoren der Entwicklung der Brennstoffzellentechnologie und der für den Betrieb notwendigen Brenngase und -flüssigkeiten.

  • Bei mehreren Anwendungen, Anlagensystemen, Geräten und Hauptkomponenten wurde die Industriefeldtest-, in einzelnen Fällen bereits Marktreife erreicht.

  • Als Stützen, teilweise treibende Kräfte haben sich die neuen Industriezweige Erneuerbare Energien und Biokraftstoffe erwiesen. Vielfältige Impulse kommen aus hochmodernen Technologiefeldern, wie Werkstoffentwicklung, Mikrosystemtechnik, Nanotechnologie, elektronische Datenverarbeitung, Telekommunikation, Bionik.

  • Immer dann, wenn Kontinuität und Rückkopplung von Forschung und Entwicklung (F&E), branchenübergreifende Zusammenarbeit in und zwischen den Bundesländern und vor allem verlässliche Finanzierung gesichert waren, konnten erstaunliche, teilweise sogar internationale Spitzenleistungen in kurzer Zeit erzielt werden.

  • Projektkooperationen wurden durch Branchennetzwerke, wie die Arbeits- und Forschungsgemeinschaft (AFG) Brennstoffzellen mit ihren Länderkoordinatoren und die FEE Fördergesellschaft Erneuerbare Energien mit ihren bundesweiten Arbeitsgruppen „Biogene Gase – Brennstoffzellen“ sowie „Vergasung von Biomasse“ sowie den mit ihnen zusammenwirkenden Verbünden erleichtert. Zu ihnen zählen in Ostdeutschland die Technologie- und Netzwerkinitiative PEM-Brennstoffzellen Sachsen, WTI Wasserstoff-Technologie-Initiative Mecklenburg-Vorpommern, neuerdings ZERE Zentrum für Regenerative Energien Sachsen-Anhalt. Die AFG Brennstoffzellen ist Gründungsmitglied des BZB-D.

  • In Ostdeutschland sind Kooperationen mit der Großindustrie und Leuchtturm-Projektgruppen von nationaler und EU-Bedeutung bisher nicht gelungen.

Die 3. Werkstatt gibt zu denken und fordert, bei der laufenden Konzipierung der strategischen Programme in den Ländern, im Bund und in der Union zu beachten:

  • 1. Der innovative Mittelstand ist auch bei Zellen und ihren Brennstoffen Hauptträger der Entwicklung neuer Produkte und Verfahren. Charakteristisch ist seine feste Verwurzelung in den Wirtschaftsregionen.
    Wenn es tatsächlich das Ziel der Bundesregierung ist, für heimische Wertschöpfung zu sorgen, tut es Not, dafür die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, für innovative KMU und ihre gemeinsamen Projektverbünde mit wissenschaftlichen Einrichtungen und Marktpartnern einen hohen Anteil der von der Bundesregierung bis zum Jahre 2015 geplanten Haushaltsmittel in Höhe von 500 Mio. EURO vorzusehen.

  • 2. Brennstoffzellen- und die Technologien ihrer Brennstoffe haben systemverändernden Charakter im Energie- und Verkehrswesen, in der Industrie, bei vielen Konsumgütern und somit Einfluss auf die gesamte gewerbliche Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und die internationale Wettbewerbsfähigkeit.
    Not tut, bei der Auswahl von Knoten ihre Verbindungen untereinander und die Chancen für neue industrielle Wertschöpfungsketten auch in Ostdeutschland im Auge zu behalten.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, Großprojekte so zu konzipieren, dass eine Konzentration der Mittel gewährleistet bleibt, aber nicht ganze Wirtschaftregionen ausgeklammert werden. Strukturschwache Regionen sind in die Großprojekte zu integrieren.
    Die z.B. im strategischen EU-Projekt HyWays vorgeschlagenen H2-Knoten Hamburg, Berlin, München, Stuttgart, Ruhrgebiet sollten zum H2-Hufeisen (H2-horseshoe) ausgeformt werden. Das Hufeisen ist um das Verkehrs- und Industriekreuz Leipzig-Schkeuditz-Halle zu ergänzen. Die Verkehrskorridore zwischen Hamburg-Berlin-Schkeuditz-München sind einzubeziehen. Die EU und unsere Nachbarn sollten eingeladen werden, an den Knoten- und Endpunkten die Verknüpfung zu einem EU-weiten H2-Infrastrukturnetz vorzunehmen.

  • 3. Die Brennstoffversorgung hocheffektiver Energiewandler darf nicht wieder vorwiegend auf fossile Primärenergieträger aufgebaut werden, sondern rasch und umfassend auf erneuerbare. Nur so kann zu Versorgungssicherheit und Klimaschutz beigetragen werden. Die Erneuerbaren Energien und Biokraftstoffe verfügen in Deutschland über eine besonders starke und innovative mittelständische Unternehmensbasis.
    Not tut, in den gegenwärtigen Programmen auf allen Ebenen diese Stärke zu nutzen und die Europäische Charta „Grüner Wasserstoff“ des Parlaments und der Kommission vom 12.09.2005 zielstrebig umzusetzen.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, Erneuerbare Energien, Biokraftstoffe und Brennstoffzellen in Einheit und vorrangig zu entwickeln und dies als Schwerpunkt in den Nationalen Entwicklungsplan aufzunehmen. Für seine Realisierung werden Projektmittel mindestens in Höhe von 50 Mio. EURO, jeweils hälftig aus Bundes- und Industriemitteln bereitgestellt.
    Im Strategierat wird eine Arbeitsgruppe „Erneuerbare Energien – Brennstoffzellen“ eingerichtet. Sie kann wissenschaftsseitig vom Forschungsverbund Sonnenenergie, seitens des industriellen Mittelstandes von der Fördergesellschaft Erneuerbare Energien und seitens der Großindustrie von der Initiative Brennstoffzellen gemeinsam geleitet werden.

  • 4. Industriedichte und Finanzkraft eines einzelnen strukturschwachen Landes sind zu gering, um bei der Entwicklung dieses Hochtechnologiezweiges im nationalen und internationalen Wettbewerb mithalten zu können.
    Not tut, die Kräfte zu vereinen.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, die unternehmerische und wissenschaftliche Zusammenarbeit über Bundesländergrenzen hinweg zu verbessern. Die in den strukturschwachen ostdeutschen Bundesländern vorhandenen Initiativen sollten in der AFG Brennstoffzellen gebündelt bleiben. Dieses in unternehmerischer Eigeninitiative entstandene Cluster, das seit 2002 vorwiegend in ehrenamtlicher Arbeit, fast vollständig ohne gesicherte Finanzierung betrieben wird, ist zu effektivieren, gemeinsam durch Länder und Bund zu unterstützen, z.B. durch Ausbau zu einem GA-Kompetenznetzwerk, jedenfalls über Bundesländergrenzen hinaus zu finanzieren.

  • 5. Die europäische und vor allem deutsche Energiewirtschaft muss sich zielstrebig unabhängiger von importierten Primärenergieträgern Erdöl, Erdgas und Steinkohle machen. Etliche für elektrochemische Energiewandler geeignete Brenngase und -flüssigkeiten tragen Mehrfachcharakter als Sekundärenergieträger, Speichermedium, Brennstoff für unterschiedliche Energiewandler. Sie können vielfältig in tragbaren Geräten, der Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung in der Hausenergie- und gewerblichen Versorgung sowie zur Sicherung der Mobilität in allen Transportarten eingesetzt werden.
    Not tut, diese Mehrfachvorteile konsequent und intelligent zu nutzen, Verluste zu minimieren, Energieeinsatz zu vermindern, Erdöl und -gas schrittweise abzulösen.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, bedarfsgerechte, dezentrale Energiebereitstellung, verbunden mit der Entwicklung der Energiespeichertechnik in den Nationalen Entwicklungsplan für das Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellenstrategie zu integrieren. Mehrere Wachstumsprobleme könnten gleichzeitig gelöst werden, wie Einheit Stadt-Region, Umbau städtischer Infrastrukturen, unstetige Energiebereitstellung durch Wind und Sonne sowie Brennstoffversorgung von Brennstoffzellen oder Kombination von Kraft-Wärme-Kälte-Kopplungsanlagen unterschiedlicher Art oder mikrobielle Erzeugung von Wasserstoff oder Elektrizität.

  • 6. Brennstoffzellen- und Wasserstofftechnologie tragen den Doppelcharakter einer gleichzeitig globalisierten und heimischen Wirtschaft in sich. Sie könnten im internationalen Wettbewerb schon im nächsten Jahrzehnt bedeutenden Einfluss gewinnen.
    Not tut, alles zu tun, um die heimische Wertschöpfung voran zu bringen, den Abfluss von Volksvermögen ins Ausland in engen Grenzen zu halten.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, die aus Steuern und Abgaben der Bürgerinnen und Bürger stammenden Bundesmittel konsequent auf heimische Produkt- und Technologieentwicklungen, inländische Wertschöpfung und nationale Kofinanzierung von EU-Projekten zu konzentrieren.

  • 7. Zahlreiche marktfähige Produkte wurden bereits vorwiegend durch KMU entwickelt. Deren Eigenfinanzierungskraft ist jedoch für die Marktpenetration zu schwach.
    Not tut, zur Vollendung heimischer Wertschöpfung die Markteinführung zu unterstützen.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, durch die Bundesregierung Anwendungsempfehlungen an nachgeordnete Verwaltungen und die Bundesländer zu geben, Endverbraucher zum Kauf wirtschaftlich zu stimulieren.

  • 8. Im Verkehrswesen ist die Brennstoffzellenentwicklung gegenwärtig zu automobillastig.
    Not tut, den Aufbau einer zukünftigen, nicht ausschließlich von fossilen Primärenergieträgern abhängigen Verkehrs- und Kraftstoffversorgungsstruktur in Einheit von Straßen-, Eisenbahn-, Schiffs- und Flugverkehr voran zu treiben.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, dem Einsatz von Brennstoffzellen in Bordsysteme von Schiffen und Booten, Eisen- und Straßenbahnen sowie Flugzeugen mit ihren engen Bezügen zur regionalen und mittelständischen Wertschöpfung und Zulieferstruktur mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
    Multifunktionstankstellen für Wasserstoff und andere auch für Zellen geeignete Brennstoffe sollten auf Flugplätzen (z.B. Klotzsche, Schkeuditz, Schönefeld), an Binnenwasserstraßen oder -wegen (z.B. Berlin-Potsdam, Dresden, Erholungsgebiete) errichtet werden.

  • 9. Hochtechnologieentwicklung, Aufbau neuer Produktionslinien und Markteintritt neuartiger Produkte und Verfahren sind kostenintensiv. KMU sind nur bedingt in der Lage, eigene Forschungskapazitäten vorzuhalten bzw. F&E-Aufträge zu vergeben. Ihr Zugang zu Finanzierungen wird immer schmaler und ist von oft nicht vorhandenen Sicherheiten abhängig.
    Not tut, den Zugang innovativer KMU zu verlässlicher Finanzierung zu verbessern. Es gilt, die typische deutsche Schwäche zu überwinden, in der F&E Spitze zu sein und bei der Wertschöpfung auf dem Markt das Nachsehen zu haben.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, bei künftigen Förderprojekten die Markteinführung mit zu finanzieren und einen Sonderfonds für gezielte Produkt- und Projektentwicklung mit unbürokratischem Zugriff zu bilden.
    Die Europäische Investitionsbank (EIB) soll mit dem Recht ausgestattet werden, Kredite innovativer KMU und Verbundprojekte zu 50 % kostenfrei zu verbürgen.
    Im Bundes- und Länderinteresse sollte die Medien- und die Öffentlichkeitsarbeit über erfolgreiche Förderprojekte zugunsten des innovativen Mittelstandes verbessert werden.

  • 10. Für Katalysatoren, Elektroden, andere Schlüsselkomponenten der Brennstoffzellen und Elektrolyseure werden z.Zt. fast nur seltene, teure Edelmetalle und andere wertvolle Elemente verwendet, die weder in Deutschland noch in der Union natürlich vorkommen. Sie verteuern Anlagensysteme, ja lassen eine Massenverbreitung zweifelhaft erscheinen.
    Not tut, neue leistungsanaloge Werkstoffe zu entwickeln und eingesetzte seltene Elemente konsequent zurück zu gewinnen.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, die Recyclingwirtschaft als innovatives Industriefeld zu sehen, das Seltenmetall- und Katalysatorenrecycling mit Nano-, Beschichtungs- und Brennstoffzellentechnik zu verzahnen.

  • 11. Der Mittelstand hat weder im Bund noch in Brüssel eine kräftige Stimme und wird daher häufig übergangen.
    Dem innovativen Mittelstand tut Not, aus der wirtschaftspolitischen Passivität herauszutreten und den Trend zur Zersplitterung zu überwinden.
    Die Denkwerkstatt schlägt vor, bestehende Netzwerke zu wirtschaftspolitischer Einflussnahme und Interessenvertretung sowie zur Organisation größerer Verbundprojekte zu befähigen. Die KMU der Branche müssen aktive Mitglieder werden und unterstützende Dienstleistungen gewähren.
    Die Bundesregierung und die EU sollten Voraussetzungen schaffen, dass auch die Interessen der KMU angemessen und unabhängig von ihren finanziellen Beiträgen berücksichtigt werden. In der Nationalen Koordinierungsstelle Jülich Wasserstoff Brennstoffzellen sollte ein KMU-Beauftragter eingesetzt, in die Leitung des Strategierates ein Vertreter des Mittelstandes berufen werden. Beider Aktivitäten sind im Bundesinteresse und werden aus den Mitteln des Innovationsprogramms finanziert.

    Berlin, 21. August 2006, Die Veranstalter AFG Brennstoffzellen und FEE in Zusammenarbeit mit dem Brandenburger GA-Kompetenznetzwerk Energiewirtschaft/Energietechnologie im Namen der teilnehmenden und unterstützenden Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Experten.



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