Auto-Fahren mit Sonne und
Wasser
9 Thesen für den Einstieg ins
Solarzeitalter auch im Verkehr
26. Mai 2000
Rezzo
Schlauch, Michaele Hustedt, Albert Schmid
1. Das Auto garantiert individuelle Mobilität
Das Auto ist heute das Verkehrsmittel
Nummer 1. Es ist für viele Transportbedürfnisse unverzichtbar. Mobilität ist
insbesondere auf dem Land ohne Pkw oft nicht möglich. Für viele Menschen ist das Auto
gleichbedeutend mit der Freiheit, jederzeit spontan entscheiden zu können, wohin man
will. Der Pkw ist oft auch Statussymbol, und für
Jugendliche ist der Führerschein die Eintrittskarte ins Erwachsenenleben. Der Discobesuch
auf dem Land – ohne Pkw kaum möglich. Für Frauen bedeutet das Auto Sicherheit auf
nächtlichen Straßen und die einzige Möglichkeit, Familie und Beruf unter einen Hut zu
bringen. Für alte Menschen und Behinderte ist das Auto ein Synonym für unabhängige Bewegungsfreiheit.
Dies alles trägt dazu bei, dass die
große Mehrheit der Bevölkerung auf jede Einschränkung des Pkw-Verkehrs ablehnend
reagiert. Daran werden
auch die Grünen in absehbarer Zeit nichts ändern. Das Bedürfnis nach individueller
Mobilität ist zu akzeptieren.
2. Individuelle
Mobilität muß umweltverträglicher werden
Während
bei der Versorgung der Privathaushalte und Unternehmen mit Strom und Wärme dank der
Maßnahmen der rot-grünen Bundesregierung (Förderung der erneuerbaren Energien, der
effizienten Nutzung fossiler Energieträger und der Energieeinsparung) der CO2-Ausstoss
sinkt, steigen nach allen Berechnungen zum
Klimaschutz die CO2-Emissionen im Verkehr drastisch an. Dieser Anstieg frisst die Erfolge
in der Energiewirtschaft wieder auf. Ohne eine Stabilisierung und Absenkung der
CO2-Emissionen auch im Verkehr werden die Klimaschutzziele der nächsten Jahre und
Jahrzehnte nicht zu erreichen sein.
Zudem
drohen viele großen Städte der Welt, im Smog der Automobile zu ersticken. Hier ist eine
Grenze erreicht, wo das Auto die Lebensqualität dramatisch reduziert. Auch in Deutschland
stellt der Smog im Winter und Sommer insbesondere für Kinder, kranke und alte Menschen
eine Gefährdung der Gesundheit dar. Wenn das Auto in absehbarer Zeit
Verkehrsmittel Nummer 1 bleibt, muss es umweltverträglicher werden. Das Auto der Zukunft
muß emissionsfrei sein. Faszination und Verantwortung müssen zusammengeführt werden.
3. Das Öl wird
bald sehr teuer werden
Die
Ölreserven reichen nur noch für wenige Jahrzehnte. Deshalb ist das Öl ein viel zu
wertvoller Rohstoff, um es einfach nur im Ottomotor zu verbrennen. Zukünftige
Generationen benötigen Öl als Rohstoff für die chemische Industrie. Der Verbrauch
steigt dabei, insbesondere durch das Verkehrswachstum in den Entwicklungsländern, stetig
an. Schon im nächsten Jahrzehnt könnte sich der Ölpreis im Vorfeld der natürlichen
Verknappung deutlich erhöhen. Wir hängen am Tropf der OPEC-Staaten – mit allen
politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen.
Es muss
ein neuer Energieträger gefunden werden als Ersatz für Benzin und Diesel, der nicht so
begrenzt und zugleich umweltverträglicher ist. Dafür muss in den nächsten Jahren und
Jahrzehnten die Technologie bereitgestellt und eine neue Infrastruktur aufgebaut werden,
damit eine flächendeckendes Versorgungsnetz in Deutschland und Europa zur Verfügung
steht Dies ist eine große Herausforderung,
der man sich nicht früh genug stellen kann.
4. Die
Wasserstoffvision
Für
den Individualverkehr im Rahmen eines nachhaltigen Mobilitätskonzeptes sind
grundsätzlich zwei Entwicklungspfade denkbar: Die Fahrzeuge tanken statt Benzin oder
Diesel Wasserstoff und verbrennen ihn im Ottomotor oder in der Brennstoffzelle. Die andere
Alternative ist: Die Fahrzeuge werden elektrisch betrieben und „tanken“ Strom,
der durch Solarenergie erzeugt wird. Es scheint so, dass die der Weiterentwicklung der
Batterie als Speichermedium für Elektrofahrzeuge nicht genügend weiter kommt. Die
Batterien sind immer noch zu schwer, zu groß und zu teuer. Deshalb ist der
vielversprechendere Weg das Wasserstoffauto mit Brennstoffzelle oder Verbrennungsmotor,
Modelle, die von einigen Automobilherstellern bis zur Serienreife vorangetrieben werden.
Wasserstoff
ist ein sauberer Energieträger. Er verbrennt völlig schadstofffrei zu Wasser. Die große
Chance des Wasserstoffs liegt in seiner Speicherfähigkeit und in seiner
Transportfähigkeit. Damit kann er Benzin, Diesel oder Kerosin ersetzen. Das
Wasserstoffauto, aber auch das Schienen- oder Luftfahrzeug, das mit Wasserstoff betankt
wird, löst die Probleme des Smogs in den großen Städten und bestimmter
Schadstoffbelastungen in sensiblen atmosphärischen Schichten. Ob der Wasserstoff auch
einen Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz leistet, hängt von der Art seiner Erzeugung
ab.
5. Wasserstoff ist
nur ökologisch, wenn er umweltverträglich erzeugt wird.
Wasserstoff
ist immer nur so ökologisch wie der Energieträger, der zu seiner Erzeugung eingesetzt
wird. Wasserstoff, erzeugt durch Elektrolyse mit Hilfe von Atomstrom oder fossilen
Kraftwerken, wäre von der Energiebilanz her gegenüber der direkten Verbrennung von
Benzin im Ottomotor sogar ein Rückschritt. Auch die Gewinnung von Wasserstoff aus Erdgas
kann höchstens eine Übergangstechnik darstellen. Nur solar bzw. regenerativ erzeugter
Wasserstoff macht das Wasserstoffauto zum echten Null-Emissions-Fahrzeug.
Um Wasserstoff in großer Menge
regenerativ zu erzeugen, ist eine grundlegend veränderte Infrastruktur der
Energiewirtschaft nötig. Notwendig dafür ist nicht
nur ein massiver Ausbau der regenerativen Energien im eigenen Land, sondern
auch der Bau von Solarkraftwerke im Sonnengürtel der Welt und der Transport des damit
erzeugten Wasserstoffs in die Industrienationen. Dabei sind noch eine Vielzahl von
technischen Problemen zu lösen, u.a. beim Transport des Wasserstoffs, der sehr stark
gekühlt werden muß, um flüssig zu bleiben, und zudem chemisch sehr aggressiv ist.
Die
Anlagen für erneuerbare Energien müssen wirtschaftlicher werden. Insbesondere die
Photovoltaik ist noch weit von der Marktreife entfernt. Das Wasserstoffauto ist deshalb
nur ein Baustein der Wasserstoffvision, allerdings ein notwendiger. Der zweite Baustein
ist die Weiterentwicklung der erneuerbaren Energien zum Hauptenergieträger. Erst beides
zusammen macht nachhaltige Mobilität möglich. Die Umsetzung der Wasserstoffvision für
eine umweltverträgliche Mobilität, die nicht mehr von einem endlichen, fossilen
Primärenergieträger abhängt, wird deshalb nicht in wenigen Jahren möglich sein. Sie
ist eine Aufgabe der nächsten Jahrzehnte und liegt in der Verantwortung von zwei
Generationen. Doch jetzt müssen dafür die Weichen gestellt werden. Den Anfang muss diese
Generation machen.
6. Die Automobil-
und Mineralölindustrie im Aufbruch
Die
Automobil- und die Mineralölindustrie hat diese Herausforderung längst angenommen. In
einem intensiven, wissenschaftlich begleiteten Diskussionsprozess über den Energieträger
der Zukunft bewerten sie die Alternativen Erdgas, Methanol und Wasserstoff als
Ersatzbrennstoff für Öl. Die Tendenz geht eindeutig in Richtung Wasserstoff. Während
DaimlerChrysler noch auf eine Doppelstrategie Wasserstoff/Methanol setzt hat sich BMW für
Wasserstoff entschieden.
In der
Industrie wird intensiv an der Wasserstofftechnologie gearbeitet. Es herrscht
Aufbruchstimmung. In der nächsten Zeit werden diverse internationale Kongresse diesen
Prozess vorantreiben. Shell und BP gehen davon aus, dass sie schon in wenigen Jahrzehnten
mehr Gewinne mit erneuerbaren Energien erwirtschaften als im Mineralölgeschäft. Shell
betreibt in Gelsenkirchen (NRW) die größte Photovoltaikfabrik der Welt. Und alle
deutschen Automobilhersteller haben oder werden ein Wasserstoffauto in der
Serienproduktion entwickeln.
7. Energiekonsens
von Wirtschaft und Politik für das Solarzeitalter
Der Übergang vom fossilen zum
solaren Zeitalter ist eine Jahrhundertherausforderung. Sie kann nur gelingen, wenn
Wirtschaft und Politik die Kräfte zu einer gemeinsamen Anstrengung bündeln. Das ist der
Kern eines neuen Energiekonsenses. Wir brauchen eine konzertierte Aktion.
Die
rot-grüne Bundesregierung hat dafür bereits wichtige Rahmenbedingungen geschaffen.
· Im
Rahmen der „Verkehrswirtschaftlichen Energiestrategie“ (VES) moderiert das
Bundesverkehrsministerium die Untersuchungen namhafter Fahrzeughersteller und
Energieunternehmen für einen sauberen Kraftstoff der Zukunft.
· Keine
zwei Jahre nach dem Regierungswechsel haben wir in Deutschland das weltweit
ambitionierteste Förderinstrumentarium für die regenerativen Energien. Insbesondere seit
dem Inkrafttreten des Gesetzes für den Vorrang erneuerbarer Energien boomt die Branche.
Die Nachfrage nach Solarenergie übersteigt zur Zeit die Weltproduktion an
Photovoltaikzellen.
· Die
Bauern krempeln die Ärmel hoch für die Biomasse. Sie können die Energiewirte von morgen
werden. Wenn wir zwei Drittel der land- und forstwirtschaftliche Abfälle verwerten,
können wir 6 Atomkraftwerke abschalten.
· Die
Windkraft setzt ihren Erfolgskurs fort. Die Ausweitung ins Binnenland verläuft
erfolgreich, und die neue Generation von Windparks vor der Küste mit der
Leistungsfähigkeit fossiler Kraftwerke ist in Planung. Die Windkraftbranche verbraucht
heute schon mehr Stahl als die deutschen Werften.
Nach dem neuen Gesetz für die
erneuerbaren Energien können auch Stromkonzerne und Stadtwerke Einspeisevergütung
bekommen, wenn sie entsprechende Anlagen bauen. Allerdings gibt es bei den Stromkonzernen
noch mentale Sperren. Sie sind zu stark auf ihre alten Großkraftwerke fixiert. Eine
dezentrale Energiewirtschaft, wie sie für das Solarzeitalter notwendig ist, steht noch
nicht im Mittelpunkt ihrer Zukunftsinvestitionen. Die Anstrengungen der Automobil- und
Mineralölwirtschaft müssen ergänzt werden durch eine entsprechende Zuwendung der
Energiewirtschaft zu den erneuerbaren Energieträgern, zu Wind, Biomasse, Sonnenenergie
und Erdwärme.
Forschungsschwerpunkt
Solarzeitalter:
Darüber hinaus muss die Forschungspolitik noch deutlicher als bisher auf die Vision des
Solarzeitalters setzen. Zwar gibt es bereits einen Schwerpunkt für die Förderung der
Brennstoffzelle, und die Forschungsförderung für die erneuerbaren Energien konnte dank
grünen Engagements trotz Sparhaushalt erhalten bleiben, aber die Anstrengungen in diese
Richtung müssen noch verstärkt werden. Dazu gehören die Erforschung solarthermischer
und photovoltaischer Stromerzeugung, die Weiterentwicklung der Elektrolyse zur
Wasserstoffherstellung, die Gaserzeugung aus Biomasse als weitere relativ preisgünstige
Quelle für Wasserstoff und die Erforschung der Techniken zur Speicherung und zum
Transport von Wasserstoff.
Aufbau einer neuen Infrastruktur: Die Automobil-
und Mineralölbranche muss zudem beim Aufbau einer neuen Infrastruktur für Wasserstoff
unterstützt werden. Umgehend sollte der Energiedialog durch einen Verkehrsdialog ergänzt
werden. Alle gesellschaftlichen Gruppen müssen an den "Runden Tisch", um
gemeinsam darüber zu beraten, welche politischen Maßnahmen notwendig sind, um die
Aufbruchstimmung zu unterstützen. Es hat Jahrzehnte gebraucht, um die Tankstellenstruktur
des fossilen Zeitalters aufzubauen. Ein Solarwasserstoffnetz kann und muss innerhalb eines
Jahrzehnts stehen. Dann muß ein Teil der verkauften Neuwagen schon Wasserstoff tanken
können. Die Politik muss bei der Entwicklung einer gemeinsamen, mit den europäischen
Partnern abgestimmten Markteinführungsstrategie helfen.
8. Die
Effizienzreform: Das 3-Liter Auto
Das Wasserstoffzeitalter wird Schritt
für Schritt aufgebaut. Bis es durchgesetzt ist, wird noch einige Zeit vergehen. Deshalb
werden noch für etliche Jahre Benzin, Diesel und Kerosin als Primärenergieträger
beherrschend bleiben. Wenn schon endliche fossile Energieträger eingesetzt werden,
müssen sie in Verantwortung für künftige Generationen so sparsam wie möglich
verbraucht werden. Analog zur Stromwirtschaft muss deshalb auch in der
Automobilherstellung eine Effizienzreform über die ganze Angebotspalette neuer Fahrzeuge
durchgesetzt werden.
Das 3-Liter-Auto und eine erhebliche
Verbrauchsreduktion aller Typen sind zeitnah umsetzbar. Die Flotten müssen auf einen
geringeren Höchstverbrauch verpflichtet werden. Dazu trägt auch die ökologische
Steuerreform bei. Hier hat die Bundesregierung einen ersten Schritt getan. Weitere müssen
folgen. Wie in anderen europäischen Staaten muss die Belastung für Arbeitgeber und
ArbeitnehmerInnen durch Sozialabgaben weiter gesenkt werden, der Verbrauch von fossilen
Brennstoffen steuerlich stärker finanziell belastet werden. Das ist der wesentliche
finanzielle Anreiz zur Innovation. Die Wasserstoffvision darf nicht dazu führen, dass wir
in unseren Anstrengungen zur effizienten Nutzung fossiler Energieträger nachlassen.
Effizienzreform und Solarzeitalter müssen miteinander verzahnt werden.
9. Die
individuelle Mobilität stößt an ihre Grenzen
Unabhängig davon ist die
individuelle Mobilität, die in den letzten Jahrzehnten im rasanten Tempo zu immer mehr
Verkehrswachstum geführt hat, nicht beliebig ausdehnbar. Schon jetzt begrenzt der Stau
die faktische Bewegungsfähigkeit – obwohl der mit Abstand größte
Investitionshaushalt von Bund, Ländern und Gemeinden seit Jahrzehnten für den
Straßenbau aufgewendet wird.
Europäisierung und Globalisierung
werden die Verkehrsdichte weiter erhöhen. Immer mehr Straßenbau, der ohnedies wegen der
Konsolidierung der öffentlichen Haushalte und der steigenden Unterhaltskosten nicht
beliebig höher finanzierbar ist, führt zu neuen Verkehrszuwächsen. Die Gewährleistung
individueller Mobilität ohne Grenzen gleicht einer Sisyphus-aufgabe. Auf der Strecke bleiben dabei Natur- und
Landschaftsschutz genauso wie der Schutz der Bevölkerung vor Verkehrslärm und die
Bewegungsfreiheit insbesondere von Kindern.
Schon heute ist eine große Zahl von Menschen durch den Verkehrslärm belastet. Deshalb
müssen grüne Konzepte, zum Beispiel zur Verlagerung von Gütern auf Bahn und
Binnenschiff oder für den Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs als attraktive
Alternative unabhängig von der Entwicklung in der Antriebstechnik intensiv weiterverfolgt werden.
Im Grunde muss die Antwort auf die
zunehmende Globalisierung mit immer mehr Waren- und
Personentransporten darin liegen, gleichzeitig dezentrale Strukturen zu stärken. Wohnen,
Arbeiten und Freizeit müssen wieder stärker zusammenrücken. So alt diese Idee ist
– sie hat nichts an Aktualität verloren.