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Weltweit größte Wasserstoff-Tankstelle in Berlin eröffnet

Fachbericht | Wörter: 1248 | Aufrufe: 12864 | Druckbare Version

Weltweit größte Wasserstoff-Tankstelle in Berlin eröffnet

von Sven Geitmann

Langsam, ganz langsam beginnt die deutsche Wasserstoff-Wirtschaft mit den ersten praktischen Gehversuchen außerhalb der Forschungsinstitute. Ein großer und gleichzeitig bedeutender Schritt ist Mitte November in Berlin unternommen worden, als die weltweit größte Wasserstofftankstelle eröffnet wurde. An der neu errichteten öffentlichen Aral-Tankstelle kann jetzt erstmalig in Europa neben Benzin und Diesel auch gasförmiger und flüssiger Wasserstoff an der eigens installierten Zapfsäule getankt werden.

Die neue Tankstelle wurde am 12. November 2004 vom deutschen Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe und zahlreichen geladenen Gästen feierlich eingeweiht. Stolpe nahm als erster Tankstellen-Kunde eigenhändig die Betankung eines Pkw mit flüssigem Wasserstoff vor.

Bild 1: Bundesverkehrminister Stolpe (links) betankt einen 7er BMW mit LH2

Quelle: CEP-Berlin

Die neue Tankstelle ist im Rahmen der Clean Energy Partnership (CEP) entstanden, einem Teilprojekt der Verkehrswirtschaftlichen Energiestrategie (VES), bei der sich zahlreiche bedeutende Automobil- und Energieunternehmen mit dem Bundesverkehrsministerium zusammengeschlossen haben, um Wasserstoff als den Kraftstoff der Zukunft zu fördern. Das Projekt soll als Bestandteil der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie dazu beitragen, dass bis zum Jahr 2020 rund 5 Prozent des Kraftstoffbedarfs der Europäischen Union durch Wasserstoff gedeckt werden - so will es jedenfalls die EU-Kommission. Bis Ende 2007 soll bei dem von der Bundesregierung geförderten Vorhaben außerdem die Alltagstauglichkeit des Energieträgers Wasserstoff getestet und die Kundenakzeptanz analysiert werden.

Uwe Franke, Vorstandsvorsitzender der Deutsche BP AG, erklärte anlässlich der Einweihung: „Die Eröffnung dieser Wasserstoff-Tankstelle ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen und emissionsfreien Mobilität der Zukunft. Hier testen wir erstmals die Herstellung, Verteilung, Speicherung und Betankung von Wasserstoff im Alltagsbetrieb einer normalen Tankstelle.“

Europaweit einmalig

Die Tankstelle steht in Berlin in unmittelbarer Nähe vom Internationalen Congress Centrum (ICC) und dem Westberliner Funkturm und unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von konventionellen Stationen. Das bisher europaweit einmalige sind jedoch die öffentlichen und frei zugänglichen Zapfsäulen, an denen direkt neben den Benzin- und Diesel-Säulen gasförmiger sowie flüssiger Wasserstoff angeboten wird. Insgesamt könnten von nun an rund 100 Fahrzeuge mit Energie versorgen werden. Vorerst stehen allerdings lediglich 16 zur Verfügung.

Bild 2: Neue Zapfsäule für gasförmigen Wasserstoff

Quelle: CEP-Berlin

Bei der Kraftstoff-Versorgung dieser Wasserstofffahrzeuge gibt es zwei unterschiedliche Konzepte: Der gasförmige Wasserstoff (gaseous hydrogen = GH2) wird direkt vor Ort durch Elektrolyse von Wasser hergestellt, wofür ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energiequellen verwendet wird. Im Gegensatz dazu wird der flüssige Wasserstoff (liquid hydrogen = LH2) von der Linde AG angeliefert. Das Gasunternehmen produziert LH2 durch Erdgas-Reformierung in seinem Werk in Ingolstadt, der einzigen industriellen Anlage zur Verflüssigung von Wasserstoff in Deutschland. Von dort transportieren ihn Tanklastwagen nach Berlin, wo er in einem superisolierten 10.000-Liter-Tank gespeichert und für 0,55 Euro pro Liter angeboten wird.

16 Testfahrzeuge in Berlin

Beteiligt an dem CEP-Projekt sind vier Automobilkonzerne, die allesamt eigene Testfahrzeuge zur Verfügung stellen. DaimlerChrysler hat beispielsweise zehn A-Klasse Modelle „F-Cell“ in Berlin im Einsatz, die allein durch eine Brennstoffzelle des kanadischen Lieferanten Ballard angetrieben werden. Im Sommer 2004 sind bereits fünf derartige Exemplare an die ersten deutschen Kunden (Deutsche Telekom und BEWAG/Vattenfall Europe) sowie an den Fuhrpark des Bundeskanzleramts übergeben worden. Bis zum Jahresende waren somit weltweit rund 100 Brennstoffzellen-Fahrzeuge aus dem Hause DaimlerChrysler im Betrieb: 33 Busse in Europa und Australien, mehrere Brennstoffzellen-Sprinter in den USA sowie 60 Mercedes-Benz A-Klasse "F-Cells" in Berlin, Japan, Singapur und den USA. Prof. Dr. Herbert Kohler, Leiter der DaimlerChrysler Forschungsdirektion Fahrzeugbau und Antrieb erläutert die langfristige Ausrichtung des Konzerns mit den Worten: „DaimlerChrysler sieht im Rahmen seiner fünfstufigen Roadmap hin zur nachhaltigen Mobilität den emissionsfreien Brennstoffzellenantrieb als die langfristig vielversprechendeste alternative Antriebsart der Zukunft.“

Ford beteiligt sich am CEP-Projekt mit drei Exemplaren des Typs Focus FCEV Hybrid (Fuel Cell Electric Vehicle), wovon eines für den Hermes Versand Kurierfahrten durchführen wird und somit im harten Alltagsbetrieb des Paketdienstes seine Zuverlässigkeit unter Beweis stellen kann. "Wir glauben, dass wir jetzt eine neue Ära für diese Technologie einläuten", schwärmt Rudi Kunze, Forschungschef von Ford Europa, und meint damit die Hybridtechnik, bei der der installierte Elektromotor sowohl von einer Brennstoffzelle als auch von einer zusätzlich eingebauten 216-Volt-Batterie angetrieben wird. Mit einer Tankfüllung gasförmigen Wasserstoffes (178 l bei 350 bar entsprechen 15 l Benzin) und dem Batteriestrom vermag der rund 1 Mio. teure viertürige Kompaktwagen etwa 350 Kilometer zurückzulegen.

Bild 3: 4 wasserstoffbetriebene Pkw auf der neuen Aral-Tankstelle

Quelle: CEP-Berlin

BMW fährt fortan mit zwei 745h Modellen durch Berlin, die im Gegensatz zu den Modellen der anderen Autokonzerne mit einem H2-Verbrennungsmotor ausgestattet sind. Die Limousinen verfügen dadurch über den Vorteil, dass sie bivalent, das heißt sowohl mit Benzin als auch mit Wasserstoff, betrieben werden. Insbesondere beim Einstieg in eine zukünftige Wasserstoff-Wirtschaft erleichtert diese Option den Verkauf derartiger Modelle, da stets ein problemloser Betrieb sichergestellt ist, trotz einer anfänglich mangelhaften Infrastruktur. Der bayerische Motorenhersteller plant den serienmäßigen Verkauf dieser Modelle noch im Lebenszyklus der aktuellen 7er Klasse – also bis 2009 / 2010.

General Motors / Opel betreibt zu Versuchszwecken einen Opel Zafira (HydroGen3), der über einen Brennstoffzellen-Antrieb verfügt. Das deutsch-amerikanische Unternehmen räumt dabei selbstkritisch ein, dass die derzeitigen Kosten für das Brennstoffzellen-System mit etwa 500 Euro pro Kilowatt noch ungefähr zehn Mal teurer seien als bei konventionellen Systemen. Die Verantwortlichen halten aber weiterhin an ihrer Ankündigung fest, sie würden als erster Autokonzern die „Schallmauer“ von 1 Mio. verkaufter Brennstoffellen-Autos durchbrechen. Opel gibt sich optimistisch, dass die Serienreife Anfang des nächsten Jahrzehnts erreicht sein könne.

9 Partner mit einem Ziel

Weitere CEP Kooperationspartner sind verschiedene Versorgungsunternehmen wie beispielsweise der norwegische Energiekonzern Hydro/GHW, der den bipolaren Druckelektrolyseur geliefert hat, mit dem vor Ort effizient und emissionsfrei Wasserstoff erzeugt wird. Der Stromversorger Vattenfall Europe stellt durch grün zertifizierten Strom sicher, dass der Wasserstoff dabei tatsächlich regenerativ erzeugt wird, indem ein Äquivalent für die im Projekt benötigte Energie aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen und ins Netz eingespeist wird. Jedes einzelne Zertifikat steht für eine Megawattstunde Strom aus Wind, Wasser oder Sonne.

Außerdem beteiligen sich die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), indem sie einen mit LH2 angetriebenen Brennstoffzellenbus und einen mit GH2 betriebenen Bus mit Verbrennungsmotor im regulären innerstädtischen öffentlichen Nahverkehr einsetzen. Die Busse – ein 12-Meter-Standardbus und ein moderner Gelenkbus – sollen zeigen, dass mittel- und langfristig nicht nur die Umwelt vom Wasserstoff profitiert. Auch die Kunden können sich freuen, da Wasserstoffbusse einen höheren Wirkungsgrad als herkömm

liche Busse haben und aufgrund des neuen Designs über eine niedrigere Einstiegshöhe verfügen (Niederflurtechnik).

Die Tankstelle bietet aber nicht nur sauberen Kraftstoff. Anfang nächsten Jahres soll außerdem eine Servicestation eröffnet werden, die für Wasserstoffantriebe spezialisiert ist. Anfallenden Servicearbeiten, Routinekontrollen und Funktionsüberprüfungen der Fahrzeugtechnik sollen dann direkt vor Ort durchgeführt werden können. Darüber hinaus sollen dort Schulungen im Umgang mit der Wasserstofftechnologie durchgeführt und Besucher an die Technik herangeführt werden.

Insgesamt wurden rund 33 Mio. Euro in dieses Vorhaben investiert, von denen allein 5 Mio. vom deutschen Staat übernommen wurden. Mit dieser Investition erhoffen sich alle Beteiligten zur Lösung der Henne-Ei-Problematik beim Aufbau der Wasserstoff-Infrastruktur ein Stück weit beitragen zu können: Bisher beklagten die Autokonzerne häufig, es gäbe nirgends preisgünstigen Wasserstoff zu tanken, während die Energieversorger anführten, dass noch die Autos fehlten. Deswegen ist im Juni 2002 die CEP ins Leben gerufen worden, um hier Abhilfe zu schaffen.

Die verschiedenen Projektpartner fühlen sich in ihrem Vorhaben bestärkt durch die aktuelle „Well-to-Wheel“-Studie von EUCAR, dem Zusammenschluss der Europäischen Automobilindustrie im Bereich Forschung und Entwicklung. Darin wird bescheinigt, dass aus regenerativen Energien erzeugter Wasserstoff bezüglich der Emission von Treibhausgasen der geeignetste Treibstoff für Fahrzeuge ist. Es heißt, Wasserstoff sei ein umweltfreundlicher Kraftstoff und zugleich ein innovatives Speicher- und Transportmedium für regenerativ erzeugte Energie. Demnach könnte es gut sein, dass diese ersten Gehversuche im praktischen Alltagsumgang mit Wasserstofffahrzeugen den Gang der Dinge entscheidend voran bringen werden.

Bild 4: Aral-Tankstelle

Quelle: obs/Aral AG

Autor: Dipl.-Ing. Sven Geitmann, Dezember 2004

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