Zum Inhalt springen

General Electric wird grün

Fachbericht | Wörter: 1577 | Aufrufe: 5178 | Druckbare Version

General Electric wird grün

Jeffrey Immelt setzt für die Zukunft seines Unternehmens General Electric auf umweltfreundliche Technologien - ökologische Zielvorgaben inklusive. Der „Economist“ berichtete unter dem Titel „The Greening of General Electric“ über das Phänomen.

Nächsten Monat wird die Chefetage von General Electric ihren Managern, die jetzt schon sehr genau rechnen müssen, eine weitere harte Nuss vorsetzen: In Zukunft werden sie nicht länger nur anhand der üblichen ökonomischen Kriterien beurteilt, für die sich die Shareholder üblicherweise interessieren - in Zukunft müssen sie außerdem einen Beitrag zur Rettung des Planeten Erde leisten.

Jeder Geschäftsbereich von GE soll nun neben rein ökonomischen auch ökologische Zielvorgaben bekommen und seine CO2-Emissionen reduzieren. Dabei wird die Energieintensität des jeweiligen Bereichs berücksichtigt: Bei der Kunststoffherstellung und in der Lokomotivenproduktion soll stärker reduziert werden als etwa in der Buchhaltung oder bei den Finanzdienstleistungen. Dort sind die Vorgaben niedriger, aber immer noch sehr ehrgeizig.

Ehrgeizige ökologische Vorgaben

Wie im Economist zu lesen war, hat sich GE das Ziel gesetzt, die Emission von Treibhausgasen bis 2012 im Vergleich zu 2004 um ein Prozent zu reduzieren. Das klingt zunächst wenig ambitioniert. Allerdings soll der Umsatz von GE im gleichen Zeitraum deutlich gesteigert werden, was ohne explizite Klimaschutzvorgaben eine Steigerung der Treibhausgas-Emission um ca. 40% bedeuten würde. Das Unternehmen verpflichtet sich außerdem, bis 2008 die Emission von Treibhausgasen gemessen an der wirtschaftlichen Aktivität um 30% zu senken. Verglichen mit den Vorgaben des Kyoto-Protokolls oder mit der freiwilligen Selbstverpflichtung, die die Regierung Bush vorgeschlagen hat, sind die Ziele von GE wirklich ambitioniert: Laut dem Kyoto-Protokoll soll Europa die Emission bis 2012 im Vergleich zu 1990 um acht Prozent reduzieren, in den USA sollen die Emissionen bis 2012 gemessen am Ausstoß von 2002 um 18 Prozent sinken.

Grüner Kurswechsel verwirrt Umweltschützer

Für GE sind diese Vorgaben ein dramatischer Paradigmenwechsel in Sachen Umweltbewusstsein. Dieses Umdenken dürfte auch die Umweltschützer verwirren, die General Electric seit Jahren an den öffentlichen Pranger stellen, weil GE sich für Kohle und Atomkraft einsetzt und angeblich giftige Chemikalien im Hudson-River versenkt wurden. Allerdings dürfte die neue Politik auch die GE-Kunden überraschen, die in dem Elektrokonzern in den vergangenen Jahren einen verlässlichen Verbündeten gegen Umweltaktivisten gesehen haben. Daher werden wohl in beiden Lagern Stimmen laut werden, die die neuesten Verlautbarungen von GE als ökologische Heuchelei abtun, als PR-Aktion, die die Öffentlichkeit über die wirklichen Geschäftspraktiken hinwegtäuschen soll.

Aber genau das könnte ein Fehler sein. GEs neues Interesse an Umweltschutz ist nicht nur ernstgemeint, sondern auch sehr umfangreich. GE-Boss Jeffrey Immelt hat den Umweltschutz zur Chefsache erklärt und ist bereit, für seine grüne Vision auch umfangreiche finanzielle Ressourcen locker zu machen. Man kann daher ohne Übertreibung sagen, dass sich Immelt damit auf den ehrgeizigsten, aber auch den riskantesten Kurswechsel einlässt seit Jack Welsh in den achtziger Jahren den Konzern mit Einsparungen und dem Verkauf von unrentablen Geschäftsbereichen radikal umbaute.

Grün ist Geld

Wie überzeugt Immelt von den wirtschaftlichen Perspektiven des ökologischen Kurswechsels ist, zeigt sein neuer Slogan: In Anspielung auf die Farbe der amerikanischen Banknoten gilt nun bei GE der Satz: „Grün ist grün!“ Sollte Immelt recht haben, dann wird allerdings nicht nur GE vom ökologischen Umdenken profitieren. Auch andere Unternehmen dürften dann dem Kurs von GE in irgendeiner Form folgen. Wenn er aber falsch liegt, dann könnte er eines der größten Unternehmen in eine Sackgasse führen - mit heute noch kaum absehbaren Folgen für Umsatz und Image.

Bis zu Immelts Kurswechsel haben Umwelttechnologien in der Strategie von GE kaum eine Rolle gespielt. Für Jahrzehnte hat das Unternehmen in der Energieerzeugung voll auf fossile Energien und Kernkraft gesetzt. In den sechziger Jahren übernahm dann bei GE die Rüstungsproduktion die Rolle des ökonomischen Schrittmachers, in den 90er Jahren der Finanzdienstleistungssektor.

Saubere Technologien dank "Ecomagination"

Aber heute steht auf einmal die Umwelttechnologie im Mittelpunkt. Immelt propagiert eine Strategie, der das GE-Marketing das Label "Ecomagination" verpasst hat: Damit soll auch die Wall Street vom Potential der grünen Technologien überzeugt werden. Schon hat GE eine Anzeigenkampagne gestartet, mit der die neuen, sauberen Kohlekraftwerke des Unternehmens beworben werden. Auch hier gilt Immelts neuer Slogan „Grün ist grün.“

Die neue Kampagne enthält eine Reihe von ehrgeizigen Versprechen. GE verpflichtet sich, den Umsatz von 17 Geschäftsbereichen mit umweltfreundlichen Technologien wie erneuerbaren Energien, Brennstoffzellen oder Trinkwasserwiederaufbereitungsanlagen zu verdoppeln. Der Umsatz dieser Geschäftsbereiche soll bis 2010 von 10 auf 20 Milliarden US-Dollar gesteigert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, will Immelt die Forschungsausgaben im Bereich der „sauberen Technologien“ von 700 Millionen in 2004 auf 1,5 Milliarden im Jahr 2010 steigern.



Parteinahme gegen globale Erwärmung

Was die amerikanische Unternehmenslandschaft jedoch am meisten überraschen dürfte, ist die Kehrtwende von General Electric in Sachen Klimawandel. Das Thema ist unter US-Firmen traditionell umstritten: Ungefähr drei Dutzend großer Firmen wie etwa DuPont, United Technologies und Whirlpool vertreten seit Jahren die Auffassung, dass die globale Erwärmung eine reale Bedrohung darstellt. Deshalb betreiben sie bei der US-Regierung Lobbyarbeit für die Verringerung des CO2-Ausstoßes. Gleichzeitig haben sich andere Unternehmen, angeführt von Exxon-Mobil und bisher mit der Rückendeckung von George W. Bush, solchen Forderungen strikt widersetzt. Pikanterweise befinden sich in diesem Lager traditionell viele Kunden von GE. General Electric hat sich mit seiner Initiative sehr weit vorgewagt und übernimmt nun zumindest die symbolische Führungsrolle im Kampf gegen die globale Erwärmung.

Der Erfolg von Immelts grüner Offensive wird vor allem von zwei Faktoren abhängen: Zum einen von der Frage, ob der Einsatz für Umweltschutz nicht nur ökologisch nachhaltig, sondern auch ökonomisch rentabel sein kann. Zum anderen davon, ob es gelingt, den Forschungsschwerpunkt von GE effektiv von der Perfektionierung etablierter Produkte auf die Entwicklung von Technologien wie Brennstoffzellen, Solarenergie oder Nanotechnologie zu verlagern, Bereichen, deren Zukunftschancen und Entwicklungspotential heute noch in den Sternen stehen.

Ökoaktivismus als neues Kapitel der Firmengeschichte

Angesichts der Unternehmensgeschichte von GE sind viele Ökoaktivisten heute noch eher skeptisch gegenüber Immelts „Ecomagination“-Kampagne. Immerhin ist das Unternehmen der Lieblingsgegner von Umweltschützern, seit Jack Welch sich geweigert hat, giftige Chemikalien aus dem Hudson zu bergen. Nun hat Immelt vor den Aktivisten kapituliert und GE bemüht sich nun darum, die umstrittenen Chemikalien aus dem Flussbett zu beseitigen.

Es gibt also gute Gründe zu glauben, dass es Immelt mit seiner neuen Öko-Strategie wirklich ernst meint. Schließlich hätte GE es auch gar nicht nötig, Umweltschutz so groß auf seine Agenda zu setzen. Da die Firma in erster Linie Investitionsgüter für industrielle Kunden herstellt, ist sie vor der Kritik von Umweltaktivisten oder gar vor Boykottaufrufen relativ gut geschützt. Außerdem ist GE im Bereich der Energieerzeugung breit aufgestellt, wodurch das Unternehmen von einer gesetzlichen Einschränkung des CO2-Ausstoßes weit weniger stark profitieren dürfte als etwa Firmen, die sich vollkommen auf Solar- oder Brennstoffzellen spezialisiert haben. Und trotzdem setzt sich Immelt nun bei der amerikanischen Regierung für härtere Gesetze zur Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen ein. Er will GE in eine wirkliche „grüne“ Firma verwandeln.

Neue "grüne" Märkte in Asien

Ein Grund für den möglichen Erfolg Immelts ist dabei das Potential für dramatisches Wachstum im Infrastruktursektor in den dynamischen Märkten von Ländern wie Indien und China. David Calhoun, einer der Vizepräsidenten von GE, glaubt, dass in Indien und China die Nachfrage explodieren könnte. In beiden Ländern müssen die Wasserversorgung und das Abwässersystem ausgebaut werden und die Regierungen stehen unter enormem öffentlichen Druck, etwas gegen die oft katastrophale Umweltverschmutzung zu tun, die im lokalen Rahmen von Fabriken und Kraftwerken ausgeht. Die Regierungen betonen, dass sie auf der einen Seite die hohen Wachstumsraten aufrechterhalten wollen, dass dieses Wachstum aber in Zukunft „sauberer“ sein soll als bisher. Deane Dray von Goldman Sachs geht davon aus, dass die Umsatzsteigerungen von GE sich in Zukunft zu 60 Prozent auf diesen Märkten abspielen könnten. Der Absatz von „grünen“ Technologien könnte dabei eine Schlüsselrolle spielen wenn es gelingt, die Produkte zu vernünftigen Preisen auf den Markt zu bringen. Außerdem bemüht sich GE aber auch um Anschlussverträge für die Wartung von Wasseraufbereitungsanlagen und Windrädern. Mit der langfristigen Wartung lässt sich im Vergleich zur reinen Lieferung der Anlage oft das Fünffache oder mehr verdienen. Außerdem sieht Comstock in diesem Bereich völlig neue Geschäftsfelder: So will GE zum Beispiel eine „Energieberatungsfirma“ werden und auf dem Gebiet der umweltfreundlichen Architektur und Gebäudetechnik expandieren.

Allerdings sind Indien und China nicht die einzigen Märkte, auf die GEs ambitionierte Pläne sich beziehen. Auch in den USA sind die Umsätze mit Umwelttechnologie in den letzten Jahren rapide gewachsen und Prognosen gehen davon aus, dass dieses Wachstum sich in Zukunft sogar noch beschleunigen könnte. Allerdings will sich GE nicht auf diesen Trend verlassen. Das Unternehmen will vielmehr offensiv neue Märkte erschließen, sagt Beth Comstock, die Marketing-Chefin von GE. Sie betont, dass Umwelttechnologien nur als Teil eines umfassenden Geschäftsmodells erfolgreich sein werden. Außerdem handelt es sich um Prognosen - und falls die nicht im erwarteten Umfang eintreten, braucht es eine Absicherung in andere Bereiche.

Hören Sie auf den Kunden!

Natürlich wird das „Grün ist grün“-Motto letztendlich nur dann aufgehen, wenn die umweltfreundlichen Produkte auch von den GE-Kunden angenommen werden. 18 Monate lang hat das Unternehmen daher intensive Gespräche mit seinen Kunden geführt, bevor die „Ecomagination“-Kampagne tatsächlich gestartet wurde. GE hat z.B. wichtige Vertreter verschiedener Schlüsselindustrien zu zweitägigen „Dreaming Sessions“ eingeladen, Seminaren, auf denen sich die Manager die Welt im Jahr 2015 vorstellen sollten - und die Produkte, die ihnen GE in dieser Welt dann liefern können sollte. Heute sagt GE, dass die Botschaft dieser Seminare eindeutig war: Steigende Energiekosten, striktere Umweltschutzbestimmungen und gewandelte Ansprüche der Konsumenten werden die Nachfrage nach sauberen Technologien anheizen, vor allem in der Energiewirtschaft. Deshalb macht sich GE jetzt schon mal für diese Vision stark. Denn falls es wirklich zu strengeren Bestimmungen kommt, dann wäre GE besser aufgestellt als viele Konkurrenten. Ecomagination nennt man das wohl.

Quelle: Siemens Dialog, 30.12.2005



Diesen Artikel empfehlen:




Vorheriger Bericht zum Thema Umwelttechnik
Feinstaub - Stillstand bei Einführung der Rußfilter Feinstaub - Stillstand bei Einführung der Rußfilter
Nächster Bericht zum Thema Umwelttechnik
Waldbaukonzepte im Vergleich Waldbaukonzepte im Vergleich