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Arbeitsplätze und soziale Gerechtigkeit - Aber wie?

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Fachbericht | Wörter: 4586 | Aufrufe: 5467 | Druckbare Version

Arbeitsplätze und Soziale Gerechtigkeit - Aber wie?

Wolf von Fabeck, 08.04.2005
Geschäftsführer im Solarenergie-Förderverein Deutschland

Auch im vergangenen Jahr ist das Bruttoinlandsprodukt weiter gestiegen. Repräsentativ für Deutschland ist somit - trotz mancher Firmenpleiten - weiterhin das erfolgreiche Unternehmen. Sprechen wir also von erfolgreichen Unternehmen und von der Kehrseite der Medaille, von der Arbeitslosigkeit:

Unternehmer entlassen Personal trotz hoher Unternehmensgewinne. Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen lassen ihnen keine Wahl, wenn sie im Wettbewerb bestehen wollen. Beschäftigung von Personal kostet zu viel. Die Lohn- und Lohnnebenkosten sind zu hoch; also ist die Entlassung von Mitarbeitern die nüchterne Konsequenz.
Jeder Unternehmensberater empfiehlt dieses Vorgehen.

Doch womit erzielen eigentlich die Unternehmen ihre Gewinne, nachdem sie einen großen Teil ihres Personals entlassen haben?

Da scheint es seit einigen Jahrzehnten einen geheimnisvollen "Personalersatz" mit ungeheurer Wertschöpfungskraft zu geben, der fast nichts kostet. Dieser verdrängt Arbeitnehmer aus ihren Stellen.

In der Begrifflichkeit der Volkswirtschaftslehre könnte man von einem neuen "Produktionsfaktor X" sprechen, der den Produktionsfaktor "Arbeit" weitgehend ersetzt.

Anmerkung: Wir verwenden hier und im Folgenden den Begriff "Arbeit" nicht im physikalischen Sinne, sondern - wie es in der Volkswirtschaft üblich ist - zur Zusammenfassung der von Arbeitnehmern ausgeübten produktiven Tätigkeit in einem "Produktionsfaktor".

Man kann also sagen: Arbeit wird durch den Produktionsfaktor X "substituiert".

Der Finanzminister, ständig auf der berechtigten Suche nach leistungsfähigen Geldquellen, scheint den Produktionsfaktor X noch nicht zu kennen, sonst würde er ihn umgehend entsprechend seiner Leistungsfähigkeit besteuern.

In dieser Hinsicht würden wir als besorgte Bürger den Finanzminister gerne unterstützen:

  • Die Kosten für den Produktionsfaktor Arbeit müssen drastisch verringert werden, damit die Entlassungswelle gestoppt wird.
  • Der Produktionsfaktor X hingegen muss entsprechend seiner Leistungsfähigkeit besteuert werden, damit der Staat wieder zu Geld kommt und endlich wieder seinen Verpflichtungen gerecht wird, die er unter dem neoliberalen Schlagwort vom "schlanken Staat" sträflich vernachlässigt. Er muss mehr Lehrer einstellen, die sozialen Sicherungssysteme auf eine gesunde Grundlage stellen, den öffentlichen Nahverkehr ausbauen und dergleichen mehr.

Unser Ziel ist es, die Rahmenbedingungen so zu ändern, dass Unternehmen nicht mehr mit der Entlassung, sondern mit der Neueinstellung von Personal Gewinne machen können! Die Substitution von Arbeit durch den Produktionsfaktor X würde dann wieder rückgängig gemacht werden.

Bereits zu Beginn der Industrialisierung hat man nach dem geheimnisvollen Produktionsfaktor X gesucht, der anstelle des entlassenen Personals für die Unternehmer die Arbeit erledigt. Einige Sozialkritiker glaubten, ihn in den Maschinen und Automaten gefunden zu haben, die den Menschen die Arbeit abnehmen. Sie haben mehrfach vorgeschlagen, diese Maschinen mit einer Maschinensteuer zu belegen, doch daraus ist nie etwas geworden; glücklicherweise!

Wenn der Staat Maschinen, Automaten und Computer mit dem Ziel besteuern würde, dass Unternehmer schwere oder monotone Arbeit wieder durch Personal erledigen lassen, dann müsste er eine extrem hohe Steuer auferlegen. Welcher Bauunternehmer würde sonst seine Arbeiter wieder die Steine und den Beton als Traglasten in die oberen Stockwerke eines Neubaus schleppen lassen, oder welcher Bankdirektor würde sonst seine Angestellten die Kontoauszüge wieder handschriftlich berechnen und ausschreiben lassen? Eine solche technikfeindliche Besteuerung fand schon damals und fände auch heute keine Akzeptanz; nicht einmal bei den Betroffenen selbst.

Damit scheint unsere Gesellschaft in der Zwickmühle zu stecken.

  • Einerseits wünschen wir uns sehnlichst die Entlastung und Befreiung von körperlich anstrengender oder monotoner Arbeit.
  • Andererseits aber scheint die Erfüllung dieses Wunsches schließlich in die Massenarbeitslosigkeit zu führen.

Der Wachstumswahn

Anfangs konnte man die Auswirkungen des technischen Fortschritts noch durch Verkürzung der Wochenarbeitszeit auffangen - wer schneller produziert, darf eher aufhören. Jetzt aber lassen sich keine weiteren Arbeitszeitverkürzungen mehr durchsetzen.

Stattdessen hat sich die Wahnsinnsidee durchgesetzt, das "Problem" des Technischen Fortschritts durch Steigerung der Nachfrage zu lösen. Dies soll wie folgt funktionieren:

Wenn die Arbeiter und Angestellten immer mehr produzieren können, dann muss die Bevölkerung - und möglichst auch das Ausland - die steigende Menge dieser Produkte kaufen. Andernfalls werden Entlassungen unvermeidlich. Da die arbeitende Bevölkerung weitgehend mit der konsumierenden Bevölkerung identisch ist, wird sie also nun damit beschäftigt, das zu erzeugen, was sie dann gleich selber wieder verbrauchen, verschrotten oder exportieren muss.

Diese Wachstumshektik wird aus zwei Gründen immer unerträglicher. Erstens zeigt sich immer deutlicher ihre Erfolglosigkeit. Trotz (fast) ununterbrochenen Wachstums seit dem Beginn des Wiederaufbaus nach dem Krieg nimmt die Zahl der Arbeitsplätze seit Jahren ab. Zweitens verbreitet sich langsam die Einsicht, dass ständiges Wachstum - also jedes Jahr noch mehr Verbrauchen als im Jahr zuvor - zur noch rascheren Erschöpfung der Ressourcen und zur Überlastung der Biosphäre mit CO2 und anderen Abfällen führen muss.

Wer Wirtschaftswachstum zur Verminderung der Arbeitslosigkeit fordert, hat also offenbar noch keine befriedigende Antwort auf die Frage gefunden, wie die Gesellschaft mit dem technischen Fortschritt umgehen soll.

Heute wird der technische Fortschritt fast ausnahmslos zur immer schnelleren Produktion von immer mehr Konsumgütern genutzt. Es geht dabei vorwiegend um Steigerung und Befriedigung kurzfristiger materieller Bedürfnisse. Langfristige Bedürfnisse der Bevölkerung wie Schulbildung, soziale Betreuung, Forschung und Wissenschaft, Kultur sowie der wichtige Bereich der Zukunftsvorsorge werden hingegen zunehmend vernachlässigt. Wäre es nicht sinnvoller, diese Aufgaben mit Hilfe des technischen Fortschritts anzugehen? Arbeitskräfte sind genügend vorhanden, aber sie sind dafür nicht ausgebildet und es fehlen die Stellen sowie die notwendige Infrastruktur. Dies liegt an einer grundsätzlichen Fehlsteuerung im Wirtschaftssystem, deren Ursachen es zu erkennen und zu beseitigen gilt.



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