Zum Inhalt springen

Strom aus Kuhdung als reale Alternative zu Erdöl und Erdgas

Fachbericht | Wörter: 757 | Aufrufe: 13111 | Druckbare Version

Strom aus Kuhdung als reale Alternative zu Erdöl und Erdgas

Die rentable Gewinnung von Biogas in Agrarbetrieben wird immer interessanter. Der Fachverband Biogas rechnet bis Ende 2005 mit Verdoppelung der momentan 2.000 Anla-gen in Deutschland.

Die Milchpreise sinken dramatisch, die Strompreise klettern weiter aufwärts. Für die Agrarge-nossenschaft Thonhausen bei Schmölln, in deren Ställen 500 Milchkühe stehen, ist ein be-triebswirtschaftliches Umdenken damit unausweichlich. Bereits im August 2001 nahm das ost-thüringische Landwirtschaftsunternehmen seine erste Biogasanlage in Betrieb, wie Vorstands-chef Uwe Rößler berichtet. Sie erzeugt elektrische Energie, die ans Netz abgegeben wird, so-wie Wärme für den Eigenbedarf. "Denn Biogas enthält zu rund 60 Prozent Methan, das hierfür als Brennstoff dient", erläutert Rößler.

Beschickt wird die Anlage einerseits mit Gülle, die bei insgesamt 1.300 Rindern und ebenso vielen Schweinen reichlich anfällt, sowie mit Maissilage. "Den Mais bauen wir bereits auf 60 Hektar ausschließlich für die bioenergetische Verwertung an", informiert der Landwirt, der sich mittlerweile auf dem besten Weg zum Energiewirt sieht. Denn ab Ende 2004 produziert in Thon-hausen noch eine zweite Biogasanlage Strom und Wärme. "Um diese betreiben zu können, be-nötigen wir silierten Mais von insgesamt 80 bis 100 Hektar, womit wir dann rund die Hälfte des Maises auf unseren Äckern nur für die energetische Veredlung anbauen", so Rößler. Beide An-lagen zusammen brächten es zusammen auf 700 Kilowatt Dauerleistung - ein Potenzial, mit dem sich rund 1.500 Haushalte kontinuierlich mit Strom versorgen ließen. Rößler rechnet des-halb damit, auf absehbare Zeit rund 20 Prozent des betrieblichen Umsatzes allein aus der Ener-gieerzeugung zu erwirtschaften.

Beim Thüringischen Landesbauernverband in Erfurt betrachtet man diese Ziele durchaus als realistisch. "Mittlerweile arbeiten in Thüringer Agrarunternehmen 40 Biogasanlagen, doch vom Potenzial her könnten es bereits 150 bis 160 sein - bezogen auf die Betriebe mit eigener Tier-produktion und damit einem hohen Gülleaufkommen", überschlägt Verbandsgeschäftsführer Volker Schulze. Weitere 30 Anlagen, in denen Biogas unter Luftabschluss mittels anaerobe Bakterien erzeugt wird, seien bereits im Bau oder in der Planung. Auch mit Blick auf den Anbau nachwachsender Rohstoffe entdeckt Schulze in der Landwirtschaft Thüringens - wie überhaupt der neuen Bundesländer - einige wichtige Standortvorteile: "Wir haben hier große, zusammen-hängende Flächen, die einen rentablen Anbau ermöglichen, außerdem die nötigen Viehbestän-de und nicht zuletzt gut ausgebildete, engagierte Landwirte."

Dringend rät der Verbandschef darum seinen Berufskollegen zum Besuch der Internationalen Energiefachmesse "enertec" am 8. bis 11. März 2005 in Leipzig, die der Bioenergie einen Fach-schwerpunkt widmet. Beispielsweise lädt hier das sächsische Agrar- und Umweltministerium zu einem Expertenworkshop "Biogasnutzung - eine Erfolgsgeschichte für die Landwirtschaft?" so-wie zu einer Fachveranstaltung über die Herstellung und den Einsatz von Biokraftstoffen in der Landwirtschaft ein.

Aus der Sicht interessierter Landwirte erwartet Schulze vor allem in zwei Richtungen neue Im-pulse: Zum einen müsse der Wirkungsgrad von Biogasanlagen, der gegenwärtig erst 35 Prozent erreicht, schnell steigen. Und zum anderen seien neue Technologien und Wege gefragt, wie sich trockene Restbiomasse - etwa Stroh - in Kraftstoff, Chemierohstoffe und Strom umwandeln lässt. "Vor allem Agrarbetriebe ohne große Tierherden haben daran großes Interesse", so der Geschäftsführer.

Neues Gesetz vergütet Energiegewinnung aus Biomasse

Erst Anfang August 2004 war das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft ge-treten. Es sieht einen Vergütungsbonus für Energieanlagen vor, die sich ausschließlich aus na-turbelassener Biomasse speisen. Nach Meinung von Josef Pellmeyer, Präsident des Fachver-bandes Biogas, setzt die Bundesregierung damit "ein klares Zeichen für die Mobilisierung des Biomassepotenzials in der deutschen Landwirtschaft".

Da das Gesetz nunmehr eine Bonifikation von sechs Cent für Biogasanlagen bis zu einer instal-lierten elektrischen Leistung von 500 Kilowatt sowie von vier Cent für größere Biogasanlagen bis fünf Megawatt vorsieht, erwartet Pellmeyer jetzt ein "Durchstarten" seiner Branche. Bereits bis Ende 2005 rechnet er "ganz grob mit einer Verdopplung der Zahl von derzeit 2.000 auf 4.000 Biogasanlagen" in Deutschland. Hierbei geht er davon aus, dass neue Anlagen überwiegend auf Basis nachwachsender Rohstoffe entstehen, weil die Agrarbetriebe damit über Jahre hinaus mit einer gesicherten Rohstoffversorgung kalkulieren könnten. Doch auch die Verwertung organi-scher Abfall- und Reststoffe trage weiterhin zur Wirtschaftlichkeit dieser Investitionen bei.

Chance für 280.000 Jobs in der Landwirtschaft

Im Übrigen hat der Verband Biogas errechnet, dass bereits der Dung von vier Kühen ausreicht, um einen Durchschnittshaushalt das ganze Jahr über mit Strom zu versorgen. Rechne man die Verwertung nachwachsender Rohstoffe, wie Gras- oder Maissilage, hinzu, könnten potenziell zwölf Millionen deutsche Haushalte ihre Energie aus Biogasanlagen beziehen, so Verbandsge-schäftsführer Claudius da Costa Gomez. Zugleich ließen sich, sofern nur jeder fünfte deutsche Landwirtschaftsbetrieb in eine Biogasanlage investiere, 280.000 Arbeitsplätze sichern oder neu schaffen. Wie zukunftsweisend diese Jobs seien können, belegt da Costa Gomez mit einer wei-teren Zahl: Mit der Energie aus einem Ballen Grassilage fahre ein Auto nonstop von Berlin nach Barcelona.

Quelle: Leipziger Messe, Nov. 2004



Diesen Artikel empfehlen:




Vorheriger Bericht zum Thema Biomasse/Bioenergie
Biodiesel - Sprit vom Acker Biodiesel - Sprit vom Acker
Nächster Bericht zum Thema Biomasse/Bioenergie
Biodiesel 2004 auf der Überholspur - mehr als 1900 Tankstellen Biodiesel 2004 auf der Überholspur - mehr als 1900 Tankstellen