Thema Geothermie/ Wärmepumpen vom 15.11.2007 @ 16:15:21 CET
Geothermie boomt wie selten zuvor
Selbst auf Island, wo Geothermie naturgemäß weit verbreitet ist, erfährt diese erneuerbare Energieform derzeit eine bisher unbekannte Nachfrage. Davon konnten sich Investoren, Projektentwickler, Berater und Geowissenschaftler persönlich vor Ort überzeugen, als sie vom 15. bis 18. Oktober 2007 das El Dorado der Geothermie besuchten. Auch in Neuruppin konnten mittlerweile die wichtigsten Arbeiten an der geothermischen Heizzentrale beim Thermalsolebad "Gesundbrunnen" abgeschlossen werden. Davon konnten sich die Besucher des Geothermiekongresses 2007 überzeugen, der vom 29. bis 31.10.2007 in Bochum stattfand...
Island ist geothermisch betrachtet in vieler Hinsicht ein gutes Vorbild. Es bündelt seine vorhandenen Kräfte, um auch in Zukunft weltweit eine führende Position im Bereich der Erdwärmenutzung übernehmen zu können. Der Inselstaat produziert in sechs Kraftwerken insgesamt 450 MW elektrische Energie durch Geothermie. 20 % des Stroms wird durch Geothermie bereitgestellt, das sind etwa 1,7 TWh jährlich. Geothermie sichert damit über 90 % der Wärmeversorgung des Landes. Sechs weitere Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von mehreren hundert Megawatt sind bereits in Planung.
Auf mehr als 50 Jahre Erfahrung erfolgreiche Nutzung der Geothermie können die Isländer bereits zurückblicken. Innerhalb der letzten 20 Jahre nahm der Ausbau der Geothermie rasant zu: neue Kraftwerke wurden gebaut, bestehende enorm ausgebaut. Das Svartsengi Kraftwerk produziert bereits seit Ende der 70er Jahre Strom. Fünf weitere Kraftwerke sind inzwischen dazugekommen, die mit hoch entwickelter Technologie Energie produzieren.
Über die größte Kapazität verfügt momentan noch das Nesjavellir Kraftwerk, wo 200 °C heißer Dampf vier 30 MW Turbinen antreibt. 120 MW Strom und 380 MW Wärme werden so vor allem für die Hauptstadt Reykjavik produziert. Nach der Stromproduktion wird das heiße Wasser über eine 27 km lange Fernwärmeleitung in Richtung Reykjavik transportiert. Der Wärmeverlust auf der ganzen Strecke beträgt dank der optimierten Isolierung weniger als zwei Grad.
Die durch die Wasserkraft und Geothermie möglichen niedrigen Energiekosten stoßen auch bei ausländischen Unternehmen auf reges Interesse. Die energieintensive Aluminiumindustrie ist bereits vor Ort. Google und Microsoft denken darüber nach, ihre energieintensiven Serverfarmen mit hohem Kühlbedarf in Island anzusiedeln.
Die Erfolgsgeschichte der Geothermie soll aber auch weiter bzw. tiefer gehen. Mit dem Iceland Deep Drilling Project (IDDP) könnte ein neues Kapitel in der Geothermiegeschichte aufgeschlagen werden. Das Konsortium aus dem nationalen Energiedienst ISOR sowie den großen Energieversorgern des Landes will neue Bohrtechnologien erforschen und die wirtschaftliche Machbarkeit der Energiegewinnung aus überkritischen Fluiden untersuchen.
Dazu werden in hydrothermalen Hochtemperaturfeldern Tiefbohrungen bis in eine Tiefe von über 5.000 m niedergebracht, in denen Temperaturen von 400-600 °C erwartet werden. Somit könnte die Umwandlung in Strom mit einem wesentlich höheren Wirkungsgrad ermöglicht werden.
Von all diesen Fakten konnten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Impulsreise überzeugen, die von EnEd (International Education Center for Energy Solutions) in Zusammenarbeit mit Sterr-Kölln & Partner und forseo organisiert worden war, um sämtliche Facetten der Tiefen-Geothermie vor Ort erkunden zu können. Die Dynamik des Marktes vor Ort war dabei hautnah erlebbar. Bei der eigens für die Exkursionsteilnehmer ausgerichteten Konferenz mit maßgeblichen isländischen Akteuren (z.B. Enex, Exorka, Isor, Glitnir Bank und Reykjavik Energy Invest) wurden die Stärken der nordischen Akteure deutlich.
Die Reise der international besetzten Exkursionsgruppe fiel in eine bewegte Zeit. Anfang Oktober wurde die Fusion der erst vor neun Monaten gegründeten Geysir Green Energy mit Reykjavik Energy Invest, dem Investmentarm des regionalen Energieversorgers Reykjavik Energy, bekannt gegeben.
Auch Deutschland verfügt über ein enormes geothermisches Potenzial. „Die Reise hat einen beeindruckenden Einblick ermöglicht, wie vorhandenes geothermisches Potenzial erfolgreich genutzt werden kann“, fasst Teilnehmer Dr. Michael Kraml zusammen. Alexander Richter von der Glitnir Bank erklärt: „Wir sind bereit, unsere Expertise für eine weitere Entwicklung der Geothermie in Deutschland bereitzustellen, um gemeinsam den Anteil an erneuerbaren Energien zu erhöhen und die Klimaziele zu erreichen.“
Ende Juli wurde in N
euruppin offiziell das Thermalsolebad "Gesundbrunnen" eröffnet. Damit startete auch eine erste Stufe des Probebetriebs der Geothermischen Heizzentrale Neuruppin. Diese liefert nicht nur Wärme, sondern versorgt das Bad auch mit gesundheitsförderdernder Sole. Erste konzeptionelle Voruntersuchungen begannen bereits im Jahr 2000. Ende 2006 starteten die Arbeiten an der Förderbohrung und wurden im Januar mit dem Leistungstest beendet. Dem schloss sich unmittelbar das Abteufen der Injektionsbohrung am gleichen Standort an. Seit April 2007 steht eine Dublette zur Verfügung.
Die Arbeiten am übertägigen Thermalwasserkreislauf, an den zugehörigen Gebäuden sowie der Nahwärmeverteilung und -übergabe, aber auch an der Soleaufbereitung im "Gesundbrunnen", wurden mit der Aufnahme des automatischen Betriebes Anfang Oktober 2007 abgeschlossen. Aktuell ist an das Niedertemperatur-Nahwärmenetz im Seetorviertel (65 °C/40 °C) eine Nennleistung von ca. 2.100 kW angeschlossen. Die Geothermie arbeitet im direkten Wärmetausch in der Grundlast. Ein weiterer Ausbau ist vorgesehen, wozu in der Zentrale bereits entsprechende Vorkehrungen getroffen sind.
Autor: Sven Geitmann
 redaktion
|