Thema Umwelt/ Energiesparen vom 25.03.2006 @ 18:51:16 CET
Wie viel Bio steckt im Biosprit?
Verkehrte Welt: Automobilindustrie steuert in Richtung „Bio“, Umweltschutzverbände bremsen - nachdem das Bundeskabinett beschlossen hat, die Steuerbefreiung für Biodiesel und andere Pflanzenöle zum 1. August 2006 zu beenden, hat der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Bernd Gottschalk, gestern gefordert, die Bundesregierung solle die Unternehmen bei deren "Strategie weg vom Öl und hin zu einer nachhaltigen Mobilität aktiv begleiten."
Das liegt wohl auch daran, dass die mit der EU-Kommission ausgehandelte Vereinbarung, dass Pkw ab 2008 nur durchschnittlich 140 Gramm klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) pro Liter Treibstoff ausstoßen dürfen, durch die Autohersteller möglicherweise nicht eingehalten werden kann.
Biotreibstoffe, also Kraftstoffe für Verbrennungsmotoren, die aus Biomasse herge-stellt werden, stehen zur Zeit hoch im Kurs.
Doch wie viel „Bio“ steckt eigentlich im Biosprit?
Erdöl durch Treibstoffe aus Palmöl oder Zuckerrohr zu ersetzen, kann aus Sicht der Umweltschutzorganisation Robin Wood katastrophale ökologische und soziale Auswirkungen haben. In Brasilien werden inzwischen riesige Flächen mit Zuckerrohr für Ethanol als Benzinersatz bepflanzt. Die Ethanolfabriken vergiften Luft und Wasser, der Anbau von so genanntem Bioalkohol bedroht zudem das größte Feuchtgebiet der Erde, das Pantanal. Aus Verzweiflung über Regierungspläne, im Pantanal neue Ethanolfabriken zu genehmigen, verbrannte sich Ende 2005 der brasilianische Umweltaktivist Francisco Anselmo de Barros.
Der britische Umweltjournalist George Monbiot hält die Ausbreitung der Biotreibstoffe gar für eine humanitäre und ökologische Katastrophe: Auch Soja ist für ihn keine Alternative: „Ein neuer Markt für das Sojaöl würde eine Agro-Industrie fördern, die bereits jetzt den größten Teil des brasilianischen Trockenwaldes (Cerrado) und große Teile des Regenwaldes vernichtet hat.“ Die für die Produktion von Soja und Biotreibstoffen genutzten Flächen fehlen außerdem für die Nahrungsmittelproduktion. In England würde der vollständige Umstieg auf Biotreibstoffe für den Straßenverkehr die viereinhalbfache Menge des für den Anbau geeigneten britischen Bodens ver-schlingen. „Und schon das EU-Ziel von 20 Prozent Biokraftstoff verschlänge jegliches Acker- und Weideland Großbritanniens“, so Monbiot.
Bei den Biokraftstoffen steht die Vorsilbe „Bio“ zudem nicht für biologischen Anbau. Konventioneller Anbau mit hohem Pestizid-, Düngemittel- und Energieeinsatz, Emission von schädlichen Stickoxiden und Versauerung des Bodens führen dazu, dass nicht nur Greenpeace dem Biotreibstoff eine negative Ökobilanz ausstellt. Die negativen Umweltauswirkungen will der Öko-Anbauverband Bioland jetzt reduzieren und im Großraum München Sonnenblumenöl aus ökologischem Anbau zum Tanken anbieten.
Auch das Bundesumweltamt sieht wenig Umweltvorteile für Biodiesel: „Derselbe Spareffekt für die Kohlendioxidbilanz ließe sich erzielen, wenn die Autofahrer im Schnitt 5 Stundenkilometer langsamer führen.“
Vielversprechender sind wohl im „biomass-to-liqiud“-Verfahren (BTL) hergestellte Kraftstoffe, für die als Energieträger z.B. auch Getreidestroh und Waldrestholz zum Einsatz kommen können.
Insgesamt behält der Verkehrsclub Deutschland VCD aber wohl Recht, wenn er den Einsatz der deutschen Automobilindustrie für alternative Antriebe wie folgt kommen-tiert: „Solange die Autobauer aber keine spritsparendere Technik einsetzen, ist das nur Ablenkung."
 andreamkessler
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